Kopf des Tages: Liberaler Sieger in einer Hochburg Blairs

18. Juli 2004, 12:39
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Der 37-jährige Parmjit Singh fügte dem britischen Premier eine empfindliche Niederlage zu - Von Erhard Stackl

Der Champagner wurde warm, nachdem der liberaldemokratische Parteichef Charles Kennedy mit seinem Parteifreund Parmjit Singh Gill in Leicester auf dessen "fantastischen Sieg" bei der Unterhaus-Nachwahl in der mittelenglischen Stadt angestoßen hatte. Kennedy, Spitzname "Champagne Charlie", stellte sein Glas nach dem ersten Schluck gleich weg. Und Gill ist ein Sikh, denen Alkohol strikt verboten ist.

Gill, ein 37-jähriger, in Leicester geborener, für die Stadtverwaltung tätiger Experte für Informations- und Sicherheitssysteme, der mit seiner Freundin Kally zur Siegesfeier kam, hatte soeben einen aussichtslos scheinenden Kampf gewonnen. Das vorige Rennen im stark von Einwanderern aus Asien geprägten Wahlkreis Leicester South war von der Labour Party mit 13.000 Stimmen Vorsprung für sich entschieden worden. Als der Unterhausabgeordnete Jim Marshall im Mai starb, galt der Labour-Mann Sir Peter Soulsby als klarer Favorit. Die Konservativen haben in Leicester wenig zu bestellen und Singh Gill wurde von Labour wegen der einschneidenden Sparmaßnahmen der Stadtverwaltung als "Mr. Cut" abgetan.

Gills Gegenargument erwies sich als unschlagbar: Soulsby sei "Blairs Mann", sagte er. Und was früher eine Garantie für Popularität war, hat sich inzwischen in ein großes Handikap verwandelt. Mit seiner Kriegspolitik im Irak habe der Premierminister die Glaubwürdigkeit verloren, sagte Gill, der mit 1600 Stimmen Vorsprung gewann. Er wird nun als erster aus einer ethnischen Minderheit kommender Abgeordneter der Liberalde 3. Spalte mokraten ins Parlament in London einziehen.

Für seinen Parteichef Kennedy ist "der Irak ein Symbol" für viele Politikbereiche, "bei denen die Leute dieser Regierung nicht mehr trauen". Er hofft, dass der Zwischensieg dazu beitragen wird, die Liberaldemokraten von ihrem Mauerblümchendasein als dritte Kraft im britischen Zweiparteiensystem zu befreien. Bei den Kommunalwahlen im Juni in England und Wales wurden sie nach den Konservativen (38 Prozent) Zweitstärkste und erhielten mit 30 Prozent um vier Prozentpunkte mehr als Labour. Doch bei den gleichzeitig abgehaltenen Europawahlen fielen die Liberaldemokraten – hinter Labour, Konservative und die EU-Gegner der "Unabhängigkeitspartei" – auf den vierten Platz zurück.

Deshalb betrachten Kommentatoren das Ergebnis in Leicester, das mit einem knappen Nachwahlsieg Labours in Birmingham zusammenfiel, vor allem als Bestrafung Blairs, dem Freisprüche durch Untersuchungskommissionen auch nicht mehr helfen.

So sah es auch Singh Gill, als er in der Nacht auf Freitag in seinem Wahlkreis feierte: "Die Wähler von Leicester haben von der Regierung einen Richtungswechsel verlangt." (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.7.2004)

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