Molterer: "Hätte ich Allmacht, würde ich sie nicht nutzen"

19. Juli 2004, 17:26
64 Postings

VP-Klubchef im STANDARD-Interview über seine Macht und politischen Träume, Temelin und die Harmonisierung

STANDARD: Herr Klubobmann, Sie sind Parteichefstellvertreter und Regierungschefkoordinator. Wie viel Macht haben Sie?

Molterer: Klubobmann ist eine Machtposition, keine Frage. Das ist in der Demokratie nichts Negatives. Das gehört einfach dazu. Es gibt Grenzen, die die Demokratie setzt, und Grenzen, die sich jeder persönlich setzen muss.

STANDARD: Machtrausch ist Ihnen fremd?

Molterer: Ich hoffe.

STANDARD: Aber ohne Sie läuft in der ÖVP nichts?

Molterer: Viel, hoffentlich. Aber natürlich ist es gut, dass wir in der ÖVP eine Teamsituation haben, um die uns alle beneiden. Wir sind zusammengeschweißt, wir können uns blind aufeinander verlassen. Das Schöne ist, wenn die Querpässe ohne Zuruf funktionieren und die Konkurrenz merkt es erst später. Und die Medien manchmal auch.

STANDARD: Können Sie eigenständig agieren, oder brauchen Sie das Plazet des Kanzlers?

Molterer: Natürlich gehe ich nicht fragen, das wäre ja das Beste! Es weiß schon jeder, was er zu tun hat.

STANDARD: Denken Sie gleich?

Molterer: Ich hoffe nicht. Das wäre schlimm.

STANDARD: Nennt man das politische Freundschaft?

Molterer: Das geht darüber hinaus. Wir haben eine persönliche Achse, ein absolutes Vertrauensverhältnis.

STANDARD: Fahren Sie gemeinsam auf Urlaub?

Molterer: Nein. Was uns auszeichnet, ist Loyalität. Die verträgt andere Positionen. Nach innen, nicht nach außen.

STANDARD: Hätten Sie absolute Macht, was würden Sie tun? Die Harmonisierung von heute auf morgen umsetzen?

Molterer: Hätte ich Allmacht, würde ich sie nicht nutzen. Wir wollen die Harmonisierung im Konsens machen. Ich glaube nicht, dass sich die SPÖ so einfach ausklinken kann - aus taktischen Gründen, weil sie ein Thema zur Emotionalisierung braucht. Das ist die Verhaiderisierung der SPÖ - und ich meine den oberösterreichischen SP-Chef Erich Haider.

STANDARD: Das könnten Sie genauso gut Ihrem Koalitionspartner FPÖ vorwerfen. Die zerredet Ihre Reform.

Molterer: Freuen Sie sich nicht zu früh. Ich verstehe die Diskussion. Aber wenn wir diese große Reform jetzt nicht durchbringen, haben wir in zwei Jahren die nächste anstehen. Das kann doch niemand wollen.

STANDARD: Wann und in welcher Funktion gehen Sie in Pension?

Molterer: Mit 65. Als Wilhelm Molterer. Das ist auf jeden Fall gesichert.

STANDARD:Wird Sie die Macht verändert haben?

Molterer: Das Risiko besteht zweifelsfrei.

STANDARD: Merken Sie das an sich selbst?

Molterer: Ja, so ehrlich muss man sein. Wichtig ist, dass man sich eine zweite Welt schafft, die im Privaten liegt und möglichst anders ist.

STANDARD: Wo liegt das Risiko?

Molterer: Wenn Sie mit meinen Söhnen reden würden, was ich natürlich absolut verhindern werde, dann würden sie draufkommen, dass ...

STANDARD: . . . ein Abendessen manchmal zur Klubsitzung wird?

Molterer: In etwa.

STANDARD: Früher waren Sie der sachliche Umweltminister, jetzt sind Sie der politische Scharfmacher im Klub. Schade?

Molterer: Es ist eine ganz andere Welt. Natürlich muss ich mich der Funktion anpassen. Aber ich versuche, nicht zu verletzen und nie persönlich zu werden. Für meinem ersten politischen Chef, Josef Riegler, schrieb ich meine erste Presseaussendung. Da blieb kein Auge trocken. Riegler gab sie mir zurück und sagte: "Du musst überall ein zweites Mal hingehen können."

STANDARD: Können Sie das?

Molterer: Ich glaube ja.

STANDARD: Hätten Sie manchmal gerne weniger Macht?

Molterer: Es ist manchmal schwierig, mit der Verantwortung zurechtzukommen. Wenn man damit ein Problem hat, darf man den Job nicht machen. Ich hätte auch Nein sagen können.

STANDARD: Haben Sie Angst vor dem Versagen?

Molterer: Keine Frage. Niemand versagt gerne. Weder persönlich, noch in der Sache, weil es die Gemeinschaft schwächt. Aber ich beschwere mich nicht. Als Politiker soll man Freude vermitteln, nicht, dass man eine Last trägt.

STANDARD: Träumen Sie politisch?

Molterer: Bei Temelín schon. Sonst nicht. Niemals.

STANDARD: Lügen Sie auch manchmal?

Molterer: Ich kann es nicht ausschließen. Es gibt manchmal auch taktische Überlegungen. Das ist halt so.

STANDARD: Was wollen Sie in ihrem politischen Leben noch erreichen?

Molterer: Es ist jeder gescheitert, der seine Politkarriere geplant hat. In der Politik kann man nicht planen. Wer weiß, was morgen ist.

STANDARD: Wer kommt nach Wolfgang Schüssel?

Molterer: Eine oder ein nächster ÖVP-Obmann. Nicht ich. Aber das wird noch lange nicht passieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.7.2004)

Von
Peter Mayr und Barbara Tóth
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Molterer: "Aber natürlich ist es gut, dass wir in der ÖVP eine Teamsituation haben, um die uns alle beneiden."

Share if you care.