Frühere FDP-Politikerin Hamm-Brücher sieht Scheitern des Attentats als "Glücksfall"

10. September 2004, 12:56
45 Postings

Es sei eine "geschichtliche Notwendigkeit" gewesen, den Nationalsozialismus "bis zum bitteren Ende" auszustehen

Aschaffenburg - Die frühere FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher hat das Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 gegen Adolf Hitler als "Glücksfall" für die demokratische Entwicklung in Deutschland bezeichnet. Es sei ein Irrsinn zu glauben, dass es nach einem erfolgreichen Anschlag eine vernünftige innenpolitische Lösung in Nazi-Deutschland gegeben hätte, sagte Hamm-Brücher bei den 26. Aschaffenburger Gesprächen unter der Leitung des ZDF-Journalisten Guido Knopp zum Thema "Der 20. Juli 1944 - Mythos und Wahrheit". Selbst nach dem totalen Zusammenbruch 1945 habe es "immer noch genug Nazis" gegeben.

"In den 50er Jahren kamen überall Braune aus den Löchern", sagte die 83-jährige Zeitzeugin, die in München den Widerstandskämpfern der Weißen Rose nahe gestanden war. Es sei eine "geschichtliche Notwendigkeit" für Deutschland gewesen, den Nationalsozialismus "bis zum bitteren Ende" auszustehen: "Als Lektion war es nötig." Die Verehrung und Anerkennung für die Attentäter des 20. Juli wird laut Hamm-Brücher durch diese nachträgliche Einschätzung in keiner Weise geschmälert.

Vorbildfunktion

Schon unmittelbar nach Bekanntwerden habe sie das Attentat als "Hoffnungsschimmer in der Düsternis dieser Zeit" empfunden. Und auch heute noch hätten die Männer um Claus Graf Schenk von Stauffenberg Vorbildfunktion. Die Erinnerung an sie müsse "Mut machen". Sie zeige, dass jeder dafür verantwortlich sei, dass kein Unrecht geschehe. Wenn es auch nur ein Minimum an Zivilcourage und Verantwortungsgefühl wie bei den Männern des 20. Juli gebe und die Bereitschaft, Nachteile in Kauf zu nehmen für unpopuläre Meinungen, "wären wir ein ganzes Stück weiter".

Zu der neueren Forschung über die Verstrickung einzelner Widerstandskämpfer des 20. Juli in nationalsozialistische Gewaltverbrechen sagte Hamm-Brücher mit Hinweis auf die Wandlung des Saulus zum Paulus: Was auch immer vorher gewesen sei, umso höher sei "das Opfer und die eigene Sühne mit dem Leben" in Rechnung zu stellen: "Ich lasse mir die Erinnerung und Bewunderung durch keine Forschung der Welt kaputtmachen." (APA/AP)

Share if you care.