Gaza: Palästinensischer Polizeichef vorübergehend entführt

16. Juli 2004, 22:08
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Neue Splittergruppe "Brigaden der Jenin-Märtyrer" wollte Integration in Sicherheitskräfte erzwingen - Freilassung nach Verhandlungen mit Gesandten Arafats

Gaza - Bewaffnete Palästinenser haben am Freitag den palästinensischen Polizeichef für das Westjordanland und den Gazastreifen, Ghazi Jabali, vorübergehend in ihre Gewalt gebracht und vier Stunden lang festgehalten. Nach Verhandlungen mit Gesandten von Palästinenserpräsident Yasser Arafat ließen die Entführer ihre Geisel wieder frei, wie ranghohe palästinensische Sicherheitskräfte im Gazastreifen mitteilten.

Überfall ereignete sich südlich von Gaza

Die Bewaffneten hatten Jabalis Konvoi laut Augenzeugen südlich von Gaza überfallen und ihn dann ins Flüchtlingslager El Boureij verschleppt. Zu der Tat bekannte sich eine erstmals in Erscheinung getretene Splittergruppe mit der Bezeichnung "Brigaden der Jenin-Märtyrer", die Jabali als "eines der korrupten Mitglieder der Palästinenserbehörde" bezeichneten. Laut Berichten des israelischen Rundfunks wurde der Polizeichef entführt, weil er sich geweigert habe, Palästinenser aus dem Lager in die Polizeitruppe aufzunehmen.

Zunächst herrschte Unklarheit darüber, welche Konfliktpartei Jabali entführt hat

Die Geiselnehmer hätten über Lautsprecher zweimal gerufen, "wir haben Jabali entführt", bevor sie mit ihm in das nahe gelegene Flüchtlingslager geflohen seien, berichteten Augenzeugen. Zwei Leibwächter des Polizeichefs seien bei dem Überfall verletzt worden. Die palästinensische Polizei errichtete Straßensperren und durchsuchte alle Fahrzeuge in dem Gebiet. Eine Sprecherin der israelischen Armee konnte zunächst nicht ausschließen, dass israelische Soldaten den Polizeichef entführt hätten. Der staatliche israelische Rundfunk meldete dagegen rasch, bei den Entführern handle es sich um Palästinenser.

Gesandte der Fatah-Organisation verhandelten im Flüchtlingslager

Bewohner des Lagers berichteten, Gesandte der Fatah-Organisation von Palästinenserpräsident Arafat hätten sich nach El Boureij begeben, um über die Freilassung Jabalis zu verhandeln. Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde von Präsident Arafat erklärten, sie hätten Jabalis Freilassung in Verhandlungen erreicht. Einzelheiten wurden nicht bekannt. Bei den Märtyrerbrigaden von Jenin handelt es sich um eine Untergruppe des Volkswiderstandskomitees, das sich aus ehemaligen Mitgliedern der Fatah-Organisation zusammensetzt.

Beobachter: Neuer Höhepunkt im Kampf rivalisierender palästinensischer Organisationen um Sicherung ihres Einflusses

Seitens der Märtyrerbrigaden verlautete, ihr Anführer Mahmud Nashabat habe mit Arafat telefoniert. Nashabat habe dem Palästinenserpräsidenten gesagt, das Volk verlange, dass korrupte Amtsträger vor Gericht gestellt würden. Politische Beobachter sehen den Überfall auf Jabali als neuen Höhepunkt im Kampf rivalisierender palästinensischer Organisationen, die vor dem geplanten israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen um ihren Einfluss kämpfen.

Jabali überlebte im April einen Anschlag gegen seine Person

Jabali war schon im April Ziel eines Anschlages gewesen. Damals hatten Unbekannte eine Bombe an der Haustür des Polizeichefs befestigt. Er war jedoch unversehrt geblieben. Jabali gilt als Mann Arafats, der dessen Befehle ausführt und gegen Abweichler vorgeht. Der Polizeichef hat sich über die Jahre unter den Palästinensern viele Feinde gemacht. Er gilt als korrupt, hat sich aber zugleich einen Namen für straffe Führung gemacht. (APA/AP)

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