Nach umstrittener Frühpensionierung droht Bahnreform zu entgleisen

28. Juli 2004, 11:39
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Bahngewerkschafter Haberzettl spricht von "Politmobbing", will Verhandlungen abbrechen und glaubt nicht mehr an die fristgerechte Umsetzung der ÖBB-Reform

Wien - Bei den ÖBB sorgt eine Frühpensionierung in der Chefetage für Aufregung. Der ÖBB-Vorstand hat den Personalchef Wolfgang Moldaschl am Mittwoch im Alter von 47 Jahren zwangsweise per 1. Oktober in den Ruhestand versetzt - wegen "unüberbrückbaren Auffassungsunterschiede", wie es heißt.

Eisenbahner-Gewerkschaftschef Wilhelm Haberzettl spricht von "Politmobbing" und will aus Protest die laufenden Verhandlungen über einen neuen Kollektivvertrag sofort abbrechen. Der Gewerkschaftschef hegt den Verdacht, dass dem als gewerkschaftsfreundlich geltenden Moldaschl ein VP-naher Manager nachfolgen soll.

Verkehrsstaatssekretär Helmut Kukacka (VP) weist jeden "politischen Zusammenhang" zurück. Die operativen und personalpolitischen Entscheidungen treffe allein der Vorstand. Der Posten werde entweder intern nachbesetzt oder in einem "sehr transparenten Verfahren ausgeschrieben".

"Geeigneter" Geschäftsführer wird gesucht

Nach Umsetzung der Bahnreform wird, wie berichtet, in der "ÖBB-Neu" ein eigenes Unternehmen für das Personalmanagement zuständig sein, die ÖBB-Dienstleistungs-GmbH. Moldaschl war für diese bereits als Geschäftsführer eingetragen. Der Vorstand hat ihn nun aber wieder abberufen: Moldaschl sei nur Gründungsorgan der Dienstleistungs-GmbH gewesen, nach seiner Abberufung werde nun ein "geeigneter" Geschäftsführer gesucht, heißt es aus der Unternehmensführung. Eine Trennung von Moldaschl sei nach dem Eisenbahnerdienstrecht "nur so möglich gewesen".

Dass das Klima zwischen dem ÖBB-Vierer-Vorstand und Personalleiter Moldaschl nicht das beste gewesen ist, war schon länger bekannt. Eskaliert sein soll der Konflikt in einer Besprechung vergangenen Montag. Laut Haberzettl war der Stein des Anstoßes ein Protokoll, in dem der Personalchef dem Vorstand vorgeworfen haben soll, bei der ÖBB-Reform in Personalangelegenheiten säumig zu sein. Außerdem soll Moldaschl kritisiert haben, dass der Vorstand für Personalangelegenheiten einen externen Berater zugezogen habe.

"Kein Ansprechpartner mehr"

Haberzettl glaubt, dass mit der Abberufung Moldaschls die fristgerechte Umsetzung der Bahnreform "schier unmöglich" werde. Die Gewerkschaft habe keinen Ansprechpartner im Management mehr und werde sich "aus allen personalrelevanten Verhandlungen zurückziehen".

Für das Management ist die Reaktion der Gewerkschaft "völlig unverständlich". Die Aufgaben Moldaschls werde vorerst eine Gruppe von sechs Führungskräften übernehmen, die schon bisher für den Personalchef die Gespräche mit der Gewerkschaft geführt hätten. (APA, stro, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.7.2004)

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