Essen gegen Stress

16. Juli 2004, 12:20
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Nahrungsaufnahme beruhigt in aufreibenden Situationen - Frauen öfter Stress-Esserinnen als Männer

State College/USA - Ein Schokoriegel, eine Hand voll Chips, Cola oder ein Stück Kuchen - und schon lässt sich der Stress in Job oder Familie leichter ertragen. Essen gegen Stress ist ein längst bekanntes Muster. Dass diese Frust-Reaktion aber auch oft in Ruhephasen nach aufreibenden Situationen anhält, haben sich viele noch nicht so stark bewusst gemacht. Allerdings: Betroffen sind einer US-Studie zufolge fast ausschließlich Frauen.

Untersuchungs-Ablauf

"Viele Untersuchungen haben sich damit beschäftigt, was während Stresssituationen passiert", sagt Forschungsleiterin Laura Cousino Klein von der Penn-State-Universität in Pennsylvania. "Wir wollten wissen: Was geschieht, wenn der Stress vorbei ist." Klein und ihre KollegInnen setzten dazu die TeilnehmerInnen ihrer Studie 25 Minuten unter Druck. Während die ProbandInnen eine Reihe von Aufgaben erledigen mussten, wurden sie immer wieder von Bürogeräuschen unterbrochen: ein läutendes Telefon, Klappern der Computertastatur - allerdings auf dem Geräuschniveau eines Presslufthammers von 108 Dezibel.

Anschließend wurden die TeilnehmerInnen für knapp eine Viertelstunde allein gelassen und bekamen zum Ausspannen eine Zeitschrift, etwas zu trinken und eine Auswahl an Snacks. Danach wiederum wurde ihre aktuelle Frustrationsgrenze in einer weiteren Aufgabe, einem undurchdringlichen Labyrinth, gemessen.

Ergebnisse

Insgesamt stellten die ForscherInnen fest: Diejenigen Frauen, die anhaltende Stressreaktionen zeigten, griffen am stärksten auf fettige Chips, auf Schokolade und Käsehappen zurück. Die anderen aßen weniger davon, bevorzugten Brezel oder fettarmes Popcorn. Überraschend war dabei weiter der Befund, dass die Essvorlieben der Männer unabhängig vom Stressniveau konstant blieben.

Frauen verarbeiten länger

Das könnte nach Ansicht Kleins mit einem unterschiedlichen Umgang der Geschlechter mit stressigen Situationen zusammenhängen, und William Kelley vom Green-Montain-College im US-Staat Vermont stimmt ihr zu. "Ich möchte vorsichtig mit der Formulierung sein, weil ich keine Debatte über Geschlechtsunterschiede auslösen möchte", sagt Kelley. "Aber die Männer, die ich kenne, haben eher die Einstellung 'Das war's, es ist vorbei, lass es uns abhaken und weitermachen', während Frauen eher die Verarbeitungszeit nach einem Ereignis zu schaffen macht."

Außerhalb von Stress geht's weiter

Auch wer gut mit der Stresssituation selbst umgehe, sei vor langfristigen Wirkungen nicht gefeit, betont Klein. Während des Lärms, während der nervenaufreibenden Aufgabe, könnten sich die meisten anpassen. "Sie verrichte den Job, den sie erledigen müssen, und sie machen das auch recht gut", sagt Klein. "Aber es gibt einen psychologischen und mentalen Preis dafür", der sich später zeige. Ein Beispiel für spätere Reaktionen sind nach Ansicht Kleins abweichende Ess- und Trinkgewohnheiten am Wochenende.

"Der Körper hört nicht auf, sich gegen einen Stressor zu wehren, nur weil der Stressor nicht mehr da ist", stimmt Kelley seiner Kollegin zu. "Man verarbeitet ein Ereignis noch, lange nachdem es vorbei ist." (APA)

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    Das Frust-Essen kann jedoch auch in Ruhephasen auftreten. Der Körper könne nicht so schnell von Stress- zu Entspannungsphasen umstellen, so die Expertin.
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