Gelebte Homoerotik unter Seelsorgern

2. September 2004, 18:48
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Priester und Seminaristen, die ihre "Homosexualität leben", verstoßen eklatant gegen das Grundgesetz ihrer Institution - von Hans Rauscher

Der Entertainer Alfons Haider findet es in der Presse "einen Skandal", dass der St. Pöltner Bischof Kurt Krenn wegen homosexueller Zuneigungen im Priesterseminar zum Rücktritt aufgefordert wird: "Ich hätte nie gedacht, dass "ich einmal den Bischof Krenn in Schutz nehmen werde." Alfons Haider betrachtet - wie etliche andere Kämpfer für die Rechte der Homosexuellen - die Affäre unter einem ehrlich gemeinten, aber schlichten Blickwinkel.

Was liegt im Fall von St. Pölten vor? Im Priesterseminar hat es homosexuelle Handlungen gegeben, unter Seminaristen, bzw. zwischen Seminaristen und den beiden Leitern des Instituts. Das ist zum Teil durch Zeugenaussagen, zum Teil durch Fotos von der berühmten "Weihnachtsfeier" (mit Zungenküssen) belegt. Außerdem wurden auf diversen Computern im Seminar tausende Porno-Darstellungen heruntergeladen, darunter strafrechtlich relevantes Material, nämlich Kinderporno. Letzteres laut Personen, die Zugang zu den Ermittlungsergebnissen hatten, überwiegend Darstellungen mit Buben.

Krenn leugnet, verharmlost. Deshalb muss er gehen.

Etliche Leser stoßen sich nun an der angeblichen Vermischung von Homosexualität und (männlich homosexueller) Kinderpornographie. "Gerade weil das Bild des homosexuellen Mannes als kindesmissbrauchenden, knabenschändenden Perverslings" in unserer Gesellschaft immer stark sei, müsse man differenzieren, meint ein Leser. "Homosexualität ist die Liebe zwischen zwei Männern, Sex mit Kindern - auch wenn es Buben sind - fällt unter Pädophilie/ Päderastentum", schreibt ein anderer. Das ist richtig, allerdings fällt gerade in der katholischen Kirche beides sehr oft zusammen. Das war bei praktisch allen Priesterskandalen der letzten Zeit so, sei es in den USA , sei es in Österreich (Groer). Eine grundsätzliche Trennung Homosexualität/Pädophilie ist gegeben, aber es gibt eben auch die sehr zahlreichen Fälle, wo sich homosexuelle Priester an Knaben vergangenen haben.

Kinderpornos

Was St. Pölten betrifft, so lässt sich aus Aussagen der nö. Sicherheitsdirektion und anderen Informationen folgendes Bild zusammensetzen: Es gibt die Teilnehmer der homoerotischen Weihnachtsfeier. Einer davon ist der Priesterschüler, der die Kinderpornos herunterlud und sie auch anderen zeigte. Strafrechtlich ist nur das (geleugnete) Herunterladen relevant, nicht die Homoerotik. Aber die Aufforderung verschiedener Aktivisten, die Homosexualität im Seminar sozusagen auszublenden, ist kühn (und realitätsfern). Selbst wenn man die Möglichkeit, dass Homosexualität und Kinderporno zusammenfallen, außer Acht lässt, bleibt immer noch eine hochproblematische Spezial-Situation.

Grundgesetz jener Institution

Die sexuelle Enthaltsamkeit ihrer Priester und Priesteramtsanwärter ist das Grundgesetz der katholischen Kirche. Homosexualität eine schwere Sünde. Priester und Seminaristen, die ihre "Homosexualität leben", verstoßen eklatant gegen das Grundgesetz jener Institution, der sie buchstäblich ihr ganzes Leben geweiht haben.

Wenn das als lustige Feier der Geburt des Religionsgründers geschieht; noch dazu unter Vorgesetzten und Abhängigen; dann ist ein Element trotziger Verhöhnung der eigenen Institution dabei. Umgekehrt leiden nicht wenige psychisch unter diesem ständigen Regelbruch. Für homosexuelle Lehrer im "zivilen" Beruf gilt das nicht; sie leben ja nicht im totalen Widerspruch zu den Gesetzen ihrer Lebens-Institution. Aber der kirchliche Seelsorger, der seine Homosexualität auslebt, lebt nicht in der Wahrheit. (16.7.2004 DER STANDARD Printausgabe 16.7.2004)

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