Das Gespenst aus dem Vatikan

2. September 2004, 18:48
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Der St. Pöltner Priesterskandal als Spätfolge der römischen Personalpolitik - Kommentar von Gernot Facius

Es ist noch nicht einmal zehn Jahre her, dass ein Bischof den Vorwurf der homosexuellen Handlungen, der gegen den ehemaligen Religionslehrer und späteren Wiener Kardinal Hermann Groer erhoben worden war, im Brustton der Überzeugung als "denkunmöglich" bezeichnet hatte. Derselbe Bischof, Kurt Krenn, hat heute den Skandal von St. Pölten zu verantworten: ein teuflisches Gemisch aus kinderpornografischen Internet-Streifzügen, unappetitlichen sexuellen Beziehungen zwischen Seminaristen und Vorgesetzen und einem mysteriösen Fall von Freitod - Stoff genug für einen reißerischen Kirchenkrimi. Alles nur Zufall, alles nur böse Randerscheinungen, die von Leuten, die nicht mit der Kirche fühlen, aufgebauscht werden?

In Deutschland und Österreich haben die Nationalsozialisten ihren Kampf gegen die Kirche unter anderem mit dem Vorwand geführt, die Klöster und Seminare seien Brutstätten des Lasters. Es wurde ein Generalverdacht in die Welt gesetzt. Die Erinnerung daran hat später viele Informierte davon abgehalten, Sexskandale von Klerikern an die große Glocke zu hängen.

Generalverdacht

Ein Generalverdacht ist auch heute unbegründet. Pornografie, sexueller Missbrauch und praktizierte Homosexualität sind gesamtgesellschaftliche Probleme. Aber man weiß seit 20 Jahren aus amerikanischen Untersuchungen, dass es eine regelrechte Homokultur im Klerus gibt, die Einfluss auf die Priesterseminare nimmt. Eine Kirche, die unter Berufung auf die Bibel in ihren Katechismen gleichgeschlechtliche Handlungen "in sich nicht in Ordnung" nennt, vorsätzlich begangene sogar als sündhaft erklärt, muss aufpassen, dass sie nicht unglaubwürdig wird. Immerhin hat ein vatikanisches Papier aus dem Jahr 1961 festgelegt, dass allen Kandidaten die Weihe verwehrt werden muss, die "mit bösen Tendenzen wie Homosexualität und Päderastie" zu kämpfen haben, weil diese für das Alltagsleben und den priesterlichen Dienst ernsthafte Gefahren mit sich bringen. In den USA, aber auch in Europa wurde das geflissentlich ignoriert. Auffällig gewordene Kleriker wurden lieber von Gemeinde zu Gemeinde versetzt und solange im Amt gehalten, bis die öffentliche Empörung einen Schlussstrich erzwang. Erst unter öffentlichem Druck rangen sich die 27 deutschen Diözesen zu einheitlichen Regeln für den Umgang mit gefallenen Amtsbrüdern durch. Der deutsche Pastoraltheologe Professor Heinz hat 1996 mit seiner Aussage Aufsehen erregt, schätzungsweise 20 Prozent der Priester seien homosexuell veranlagt. Er wurde von seinen Vorgesetzen gerügt, ein Bischof sprach von einer Besudelung des priesterlichen Standes.

Neuordnung der Priesterausbildung

Dennoch blieb der Vorstoß des Professors nicht folgenlos. In Deutschland und in Österreich begann man über eine Neuordnung der Priesterausbildung nachzudenken: ein strengeres Aufnahmeverfahren, eine intensive geistliche und menschliche Begleitung während der Seminarzeit, denn an der Sexualität kann sich niemand vorbeimogeln.

Hier beginnt nun die Causa St. Pölten zu einer Causa Krenn zu werden. Sein Priesterseminar hat sich, wie die österreichische Bischofskonferenz bestätigt, deutlich vom Kurs der anderen Seminare abgekoppelt. Mit anderen Worten: Krenn nahm Kandidaten auf, die wegen offensichtlicher menschlicher Defizite von anderen deutschsprachigen und polnischen Diözesen abgelehnt worden waren. Und es wurden Cliquenbildungen gefördert. Hauptsache, die theologische Richtung stimmte: autoritär und streng romzentriert.

Krenn war vor 13 Jahren gegen den Widerstand großer Teile seines Bistums vom Papst eingesetzt worden. Mit dem aktuellen Skandal von St. Pölten kehrt nun die umstrittene römische Personalpolitik der letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts als Gespenst zurück. (Gernot Facius*, DER STANDARD Printausgabe 16.7.2004)

*Gernot Facius Bonner Korrespondent der Tageszeitung "Die Welt"
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