Kirche, Knaben und Klischees

2. September 2004, 18:48
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Bedient der Kritiker - wie viele Leser meinen - homophobe Vorurteile? Dokumentation einer Empörung

Liegt, wer im Zusammenhang mit der Causa Krenn "gelebte Homosexualität" als Privatsache bezeichnet, "dramatisch falsch" - wie Hans Rauscher schrieb? Oder bedient der Kritiker damit - wie viele Leser meinen - homophobe Vorurteile? Dokumentation einer Empörung.

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Unreflektiert

Herr Rauscher hat es in seinem Kolumne geschafft, genau das zu tun, wovor Helmut Graupner tags zuvor in seinem Gastkommentar ("Homophobe Treibjagd", 13. 7. ) gewarnt hat: die bewusste Vermischung von Homosexualität und Pädophilie zur skandalträchtigen Echauffierung des Publikums. Denn natürlich hat Rauscher Recht: der Umstand, dass angehende Priester sich an Kinderpornografie aufgeilen, ist bedenklich und hat Konsequenzen nach sich zu ziehen. Aber es geht darum, dass das Problem die Pädophilie ist - und nicht die Frage, mit Erwachsenen welchen Geschlechts die angehenden Padres ihre Sexualität leben. Denn das ist deren Privatsache (und wenn überhaupt, noch Sache der katholischen Kirche und ihrer internen Vorschriften). Bei Pädophilie geht es um Missbrauch, Übergriff und Gewalt. Hier gilt es, einzugreifen, bevor noch mehr passiert. Und klarerweise hat dies mit der Sexualität derjenigen zu tun, die solche Pornografie konsumiert haben - aber es hat nichts mit deren Homo-oder Heterosexualität zu tun. Dass ausgerechnet Rauscher, der sich sonst so gerne als der große Reflektierer geriert, hier ganz einfach seinen unreflektierten homophoben Vorurteilen freien Lauf lässt und damit (unbewusst?) das Klischee vom missbrauchenden perversen Homosexuellen bedient, ist enttäuschend. Und einer Zeitung wie dem STANDARD, der sich bisher in dieser Causa durch eine differenzierte Berichterstattung ausgezeichnet hatte, unwürdig.

Martin Koschat via Internet

Kriminalisierung

Natürlich ist es ein Faktum, dass homosexuelle Pädophilie existiert und ein furchtbares Verbrechen darstellt. Aber es gilt ganz klar zu unterscheiden, dass Menschen mit homosexueller Neigung nicht automatisch kriminell sind. Auch Männer in der katholischen Kirche, die homosexuelle Neigungen haben, sind nicht automatisch kriminell. Kriminell sind Menschen, die sich sexuell an Menschen und darunter natürlich auch an Kindern vergehen! Dass Männer, die ein Zölibat abgelegt haben, sexuell aktiv sind, ist ein anderes Problem. Da bin ich gar nicht so weit von Ihrer Argumentation entfernt.

Ich möchte meinen Blickwinkel mit einem kleinen Beispiel erläutern. Der Großteil aller kriminellen Akte, mir liegen gerade keine Zahlen vor, setze diese Tatsache aber als bekannt voraus, wird von Männern begangen. Das ist aber noch lange kein Grund, Männer per se zu kriminalisieren. Ich denke, dass Sie mir da zustimmen werden.

Gerda Kolb via Internet

Stammtischlogik

Es wird kein Mensch, schon gar kein Homosexueller, behaupten, dass das Herunterladen von (gewalttätigen) Kinderpornos eine Lappalie ist. Die Verbreitung, der Konsum und das Produzieren solcher Seiten gehören bestraft und verfolgt. Soweit gehen wir konform. Wenn sich zwei erwachsene Männer (sexuell) näher kommen, so ist das deren Privatsache und geht die Öffentlichkeit nichts an.

Was aber noch schlimmer ist: Sie unterstellen damit jedem homosexuellen Mann (und auch jeder lesbischen Frau) einen Trieb, jedes männliche bzw. frauliche Wesen gleichsam zu bespringen. Sie unterstellen, dass jemand, der schwul-lesbisch ist, auf keinen Fall mit Kindern oder Jugendlichen zusammen in einem Raum sein darf. Sie unterstellen, dass schwul-lesbische Menschen zu sozialen Kontakten nicht mehr befähigt sind, ja geradezu davon ausgeschlossen gehören. Das ist einfach ungeheuerlich. Das würde ja bedeuten, dass ein Homosexueller alle anderen Männer als potenzielle Vergnügungspartner sieht und immer mit einer Latte herumläuft? Wie bitte?

Noch einmal: Kinderpornos, Gewalt an Kindern, Verführung Minderjähriger, sexuelle Nötigung (und was es sonst noch an Widerlichkeiten gibt) kann und will ich nicht akzeptieren. Aber: Homosexualität unter erwachsenen Männern geht niemanden etwas an - vor allem nicht die Stammtischpolitiker, die es eh schon immer gewusst haben, dass "die woarmen Briader alle vergaast ghörn". Ich bitte Sie - und den STANDARD - diese Trennung beizubehalten.

Mario Reinthaler, Dipl. Ent- spannungstrainer, via Internet

Falsche Adresse

Mit großer Befremdung müssen wir feststellen, dass Hans Rauscher offensichtlich Kinderpornografie und Homosexualität auf eine Stufe stellt ("Wenn die katholische Kirche an etwas zugrunde geht, dann an Kindesmissbrauch durch Priester und hohe Geistliche in Verbindung mit Homosexualität."). Obgleich er an Schönborns Rede die Kritik an der Starrheit der Kirchenposition in Bezug auf Wiederverheiratete goutiert, sieht er scheinbar im gleichen Kommentar keinen Handlungsbedarf, wenn es darum geht, die Einstellung der Kirche gegenüber Homosexualität zu überdenken. Ganz im Gegenteil, erweckt es den Anschein, als ob die Kirchenstruktur zu verteidigen sei und sich deren Mitglieder blind an unzeitgemäße Bestimmungen zu halten und die eigene Identität zu verleugnen hätten. Damit stellt sich Rauscher in eine Reihe mit Kurt Krenn, da er nicht die Regeln der Institution angreift, sondern nur die Personen, die diese nicht einhalten.

Alexander Griwatz, ÖH-Refe- rent für Menschenrecht, Rosa Bernadette Nentwich-Bouchal, ÖH-Bildungsreferentin

Das Grundübel

Nicht die homosexuellen Aktivitäten im St. Pöltener Priesterseminar stellen einen Skandal dar, sondern der Umgang der katholischen Kirche mit der menschlichen Sexualität. Die Politik des Verdammens, Vertuschens und Verdrängens führt zwangsläufig in eine heuchlerische Doppelmoral der Amtskirche, die nicht nur homosexuelle Priester zwingt, in der Öffentlichkeit das Gegenteil dessen zu vertreten, was sie privat leben. Seriösen Schätzungen zufolge sind etwa 20 bis 30 Prozent des Klerus homosexuell, und die weitaus überwiegende Mehrheit dieser Priester versieht ihren seelsorgerlichen Dienst mit größtem Engagement und zur vollsten Zufriedenheit des Kirchenvolkes.

Wir verurteilen daher die derzeit laufende Skandalisierung offenbar einvernehmlicher und damit strafrechtlich nicht relevanter gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen Bewohnern des St. Pöltener Priesterseminars. Wir warnen vor einer medialen wie auch innerkirchlichen Hetzjagd gegen homosexuelle Priester und Priesteramtskandidaten! Die aktuellen Vorkommnisse in St. Pölten dürfen kein Anlass sein, den Druck auf die ohnehin in schwersten Gewissensnöten lebenden schwulen Kleriker weiter zu erhöhen, auch wenn die Versuchung nahe liegt, diese Gelegenheit für eine "Abrechnung" mit reaktionären Kirchenkreisen oder einem umstrittenen Bischof zu nutzen.

Stattdessen fordern wir die Bischofskonferenz auf, das Grundübel der Tabuisierung von (Homo-)Sexualität im Klerus endlich zu beseitigen, statt homosexuelle Priester und andere kirchliche Mitarbeiter allein mit Hinauswurf zu bedrohen und sie dadurch zu einem Doppelleben mit allen seinen oft dramatischen psychischen Folgen zu zwingen.

Heinz Schubert, Sprecher der Ökumenischen Arbeitsgemein- schaft Homosexuelle und Glaube (HuG) Steiermark, 8010 Graz

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