Das Gespür des so genannten Volkes

14. September 2004, 11:08
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Das Aufatmen darüber, dass dieser Staat ein Oberhaupt mit Würde zu Grabe zu tragen vermochte ...

... war mehr als nur ein Ausdruck der Erleichterung, dass nix g'schehn is: einer der Überraschung, wozu man hier trotz Andreas Khol und Konsorten doch noch imstande ist. Als hätten sie sich das gar nicht mehr zugetraut, klopften politische Protagonisten einander und sich selbst tagelang auf die Schultern - Eigenlob, das auch einiges über den Zustand der Nation besagt.

Deren Anlass noch einmal in Erinnerung zu rufen - Das war das Staatsbegräbnis - gehört zu den selbstverständlichen Aufgaben von "NEWS". Aber weil das Leben weitergehen muss, bot das Heft darüber hinaus - vielleicht war es ja die letzte Gelegenheit - einen Klestil-Witwen-Vergleich, bei dem die Aspekte Wie sie ihr Schicksal meistern will und "Ich trauere schon seit Jahren . . ." im besten christlichen Sinne gegeneinander abgewogen wurden, sodass sogar der Friedens-Stifter der Klestil-Witwen Kardinal Schönborn daran seine ungetrübte Freude haben konnte.

Sowohl in quantitativer wie in emotionaler Hinsicht ließ das volksverbundene Magazin keinen Zweifel daran, wem mehr Anteilnahme zuzugestehen sei. Eine veritable Gefühlskundgebung seitens des so genannten Volks war das: Als Edith Klestil, 71, am vergangenen Samstag aus dem Wiener Stephansdom ins Freie trat, brandete unter den auf dem Platz versammelten Trauergästen und Schaulustigen Applaus auf. Die geschiedene Ehefrau des verstorbenen Bundespräsidenten war, für alle überraschend, zum Requiem erschienen. Das Volk hat ein feines Gespür für Momente der Größe jenseits der Routine.

Und das, obwohl die Vorgänger dieses Bundespräsidenten dem so genannten Volk gar keine Gelegenheit gegeben haben, bei Anlässen wie dem genannten jenes feine Gespür für Momente der Größe jenseits der Routine zu entwickeln. Aber begnadet, wie es nun einmal ist, bedarf es dazu nicht jener journalistischen Routine, mit der die Autorin des Beitrages dem Volk in seinem feinen Gespür für Momente der Größe nicht nachstehen wollte. Ohnehin hatte sich ihr Kommentar über all das Erlebte und Erlittene seit Jahren in einem Satz der Gewissheit verfestigt: "Die Menschen werden sich selbst ein Bild machen." Und so bleiben von diesem Staatstrauerakt - obacht, elegante Überleitung zum Gegenstück! - gleichfalls deutliche Bilder: Margot Klestil-Löffler, Witwe des Verstorbenen, mit schwarzem Schleier in der ersten Reihe der Kirche. Eine bedauernswert einsame Frau.

"NEWS" jedenfalls hat jahrelang das Seine dazu beigetragen, dass sich die Menschen selbst ein Bild machen - nicht zu knapp. Und nur weil Thomas Klestil verstorben ist, kann das nicht mit einem Schlag aufhören. Für Edith Klestils Lebensabend ist also vorgesorgt, sie wird keines ihrer lieb gewonnenen Hobbys - Kulturreisen, Konzerte, Theater, Ausstellungen - aufgeben müssen.

Und doch: Und doch ist das Ende traurig. Irgendwann hätte sich das Paar, das fast eine Lebensliebe gelebt hatte, vielleicht ausgesprochen, versöhnt, ist sich die Autorin fast sicher, gibt es dafür doch ein großes historisches Beispiel. Verbürgt ist, dass Maria Theresia am Grab ihres Gemahls Franz von Lothringen seine langjährige Geliebte Gräfin Auersperg wissen ließ: "Wir beide haben viel verloren." Aber seit das Kaiserhaus den Bach der Geschichte hinunterging, ist mit solchen Momenten der Größe jenseits der Routine natürlich nicht mehr zu rechnen: Doch dieses monarchische Beispiel wurde nicht republikanischer Usus. Kann aber noch werden, wenn die Scheidungszahlen weiter steigen.

Tragisches Schicksal einer Präsidentenwitwe aber auch auf der anderen Seite, wobei NEWS" in diesem Falle, jeden emotionalen Aufwand sparend die materielle Tragik in den Vordergrund rückt. Margot Klestil-Löffler schlittert durch den Tod des Gatten in schwere Turbulenzen. Vor allem finanziell wird es eng. Dennoch zeichnen sich brauchbare Lösungen ab.

NEWS erkundigte sich diskret bei einem nahen Verwandten ihres verstorbenen Mannes, und kann daher etwas weniger diskret informieren. Demnach wurde bereits ein familiärer Beschluss gefasst: "In einer Zeit wie dieser müssen wir alle zusammenhalten. Gemeinsam werden wir dieses Problem lösen."

Vor allem die "Kronen Zeitung" kann zufrieden sein, weil - schwieriges Problem: Wohin mit den Pferden, was mit den Hunden? Brauchbare Lösung für die Danaergeschenke aus dem Morgenlande: Tiergarten-Schönbrunn-Direktor Helmut Pechlaner übernimmt neben den bereits jetzt im Tiergarten untergebrachten weißen Dromedaren auch die sechs Rösser. Sie sollen in den von Pechlaner geführten und gerade revitalisierten Marchfeldschlössern bei Wien eine Heimat finden.

Schwieriger scheint da die Versorgung der beiden Labradorhunde, die der russische Präsident Putin den Klestils erst heuer zum Geschenk gemacht hat. Vielleicht werden die Hunde bei Bedarf von anderen Familienmitgliedern in Dauerpflege übernommen.

Als ob es in dieser Stadt nicht einen großen Hundestreichler gäbe, der auch schon einmal den russischen Präsidenten als Werbeträger für sein Kleinformat in Pflege übernommen hat!
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2004)

Von Günter Traxler
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