"Recht auf Sexualität" für Geistliche

20. Juli 2004, 12:59
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Expriester Johannes Wahala gegen Verdrängung mit fatalen Folgen

Beim Eintritt ins Seminar sei das Problem mit der Sexualität vom "Gefühl, zum Priester berufen zu sein" überstrahlt gewesen. Dann habe die "Furcht, dieses Amt nicht zu erreichen" und damit die "Kirche als Heimat" zu verlieren, die Auseinandersetzung unmöglich gemacht. Nach der Priesterweihe habe die "Betäubung durch Arbeit" die Verdrängerrolle übernommen.

So schildert Johannes Wahala, heute Psychotherapeut, Coach und Supervisor, seine persönliche Auseinandersetzung mit dem Zölibat. Diese währte von 1978, als der Cafetiersohn in Wien seine Priesterausbildung begann, bis 1998, als sich Wahala nach - wie er sagt - "vielen fruchtlosen Gesprächen" mit dem Wiener Erzbischof Christoph Schönborn über Fragen der Homosexualität vom Dienst für die Kirche zurückzog. Zwei Jahre später outete sich Wahala selbst als schwul.

Pflicht zur Ehelosigkeit

Mit der priesterlichen Pflicht zur Ehelosigkeit, die laut katholischer Glaubenslehre einem Sexualverbot gleichkommt, geht der heutige Leiter der Wiener Sexualberatungsstelle Courage hart ins Gericht. Solange sich die Kirche dem Thema nicht ehrlich und offen stelle, werde es in ihren Reihen "weiter Probleme wie jetzt im St. Pöltener Priesterseminar" geben, meint er. Probleme, die sich im Konsum von Kinderpornos äußerten, nicht in (homo)sexuellen Handlungen, auf die, wie Wahala betont, "jeder Geistlicher ein Recht hat".

Sein Vorschlag, jetzt von außerhalb: "Der Pflichtzölibat soll abgeschafft werden." Selbst betont liberale Lehrer wie die Seinen hätten ihm keine Hilfe bei der Bewältigung erotischer Bedürfnisse angesichts des angestrebten lebenslangen Verzichts geben können: "Gerade zweimal" während seiner Seminarzeit sei das Thema Sexualität besprochen worden. Auch die gebotenen "Modelle für ein Leben im Zölibat" - in inniger Vereinigung mit Jesus Christus, in Hingabe zu den Menschen - habe ihm und anderen Alumnen (Anmerkung: Schülern) nicht geholfen. In einem einzigen Ausbildungsjahr seien 20 der ursprünglich 40 Kollegen ausgeschieden - "fast alle, weil sie mit dem Zölibat nicht zurechtkamen".

Krasse Schilderungen also, die Schönborn-Sprecher Erich Leitenberger nicht bestätigen möchte: "Der Zölibat spielt nicht die Rolle, die man ihm zuschreibt", meint er. Stattdessen gehe es darum, "reife Persönlichkeiten" für den Beruf zu gewinnen. Um diese zu erkennen, habe man jenes einjährige Propädeutikum eingeführt, das in zehn der elf Priesterseminare angeboten wird - überall, außer in St. Pölten. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 16.7.2004)

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