Kommentar: Kosten der Untätigkeit

21. Juli 2004, 12:19
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Die Fehler und die fehlenden Mittel im Kampf gegen Aids kommen teuer zu stehen - von Eric Frey

Die unaufhaltsame Ausbreitung der Aidspandemie ist ein Schandfleck für unsere Zivilisation. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist das HIV identifiziert und ist bekannt, wie man sich damit anstecken und sich davor schützen kann. Seit einem Jahrzehnt gibt es Medikamente, mit denen die Krankheit auf Jahre hinaus in Schach gehalten werden kann. Aids wurde durch menschliches Handeln zur weltweiten Bedrohung, und es könnte durch entschlossenes menschliches Handeln - vor allem den routinemäßigen Gebrauch von Kondomen - besiegt werden.

Doch die Politiker und Experten, die sich dieser Tage in Bangkok zur Aidskonferenz treffen, schaffen nicht viel mehr, als ihre allgemeine Hilflosigkeit zu bekräftigen. Von relativ eingegrenzten Gruppen in den USA und Europa hat sich HIV in alle Welt ausgebreitet und hat vor allem in Schwarzafrika bis zu einem Drittel der 15- bis 49-Jährigen infiziert. Doch keine Weltregion bleibt verschont: In Indien und China, die bisher viel weniger betroffen waren, breitet sich die Krankheit mit ebenso großem Tempo aus wie etwa in Russland oder der Ukraine. Und überall trägt eine Mischung aus finanziellen Engpässen, gesellschaftlichen Tabus und politischer Untätigkeit dazu bei, dass viel zu spät und oft falsch gehandelt wird.

Pharmakonzerne als Sündenbock

Für viele Aktivisten gelten die USA und die westlichen Pharmakonzerne als Sündenbock im verlorenen Kampf gegen Aids, doch die Verantwortung ist weiter gestreut. Ja, viel zu lang haben die reichen Länder zu wenig Mittel für internationale Aidsinitiativen locker gemacht, doch inzwischen steht in manchen Ländern mehr Geld zur Verfügung, als angesichts der fehlenden Infrastruktur sinnvoll eingesetzt werden kann. Es stimmt, dass die Pharmakonzerne weiterhin den Gebrauch von billigeren generischen Medikamenten blockieren, aber selbst diese sind für Millionen von Aidskranken in den ärmsten Ländern unerschwinglich und unwirksam, wenn sie nicht von einer medizinischer Grundversorgung begleitet werden.

Weit verbreitete sexuelle Promiskuität, die Unterdrückung von Frauen und der religiös oder sozial bedingte Widerstand gegen Aufklärung und Kondome tragen dazu bei, dass ein Land nach dem anderen zum Aidskatastrophengebiet erklärt werden muss. Die jahrelange Weigerung des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki, längst bewiesene medizinische Erkenntnisse über Aids zu akzeptieren, ist nur ein, wenn auch gravierendes Beispiel für politisches Fehlverhalten.

Bush-Regierung geht in die Irre

Aber auch die Bush-Regierung, die 15 Milliarden Dollar für den Kampf gegen Aids bereitstellt, geht in die Irre, indem sie - als Geste an die religiöse Rechte - statt des Einsatzes von Kondomen - sexuelle Abstinenz forciert. Und die Europäer haben zwar viele gute Ratschläge parat, sind aber bei der Finanzierung gegenüber den USA deutlich ins Hintertreffen geraten.

Vielleicht kann der Kampf gegen Aids dann wirksamer geführt werden, wenn die Pandemie weniger als humanitäres denn als ökonomisches und politisches Problem betrachtet wird. Sie wütet dort am stärksten, wo ohnehin die meiste Armut und Unterentwicklung herrscht, und trägt laut dem neuen Bericht über die menschliche Entwicklung der UNDP entscheidend dazu bei, dass in vielen schwarzafrikanischen Ländern die Lebenserwartung zurückgeht und der Hunger wächst.

Aidswaise werden zu Kindersoldaten

Oft werden Aidswaisen zu Kindersoldaten und damit zum Kanonenfutter für die furchtbaren Bürgerkriege, die große Teile Afrikas heimsuchen. War die Pest in Europa einst der große Gleichmacher, vergrößert Aids heute die Kluft zwischen Arm und Reich und macht viele andere wirtschaftliche und soziale Fortschritte zunichte.

Überholte Einstellungen und Vorurteile lassen sich mit Geld nur schwer verändern. Dennoch zahlt es sich aus, deutlich mehr Mittel in den Kampf gegen Aids und andere Infektionskrankheiten zu stecken. Die Kosten der Kampagnen sind überschaubar, die Kosten der Untätigkeit nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2004)

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