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23. Juli 2004, 11:25
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Endlich: Jörg Fauser, Autor antibürgerlicher Kultromane wie "Rohstoff" und "Der Schattenmann", kann neu entdeckt werden

Mit Kultromanen wie "Rohstoff" und "Der Schattenmann" erschrieb sich Jörg Fauser einen Ehrenplatz im antibürgerlichen Gegenkanon der deutschen Literatur. Lange waren seine Werke vergriffen. Nun publiziert der Alexander Verlag eine neunbändige Werkausgabe.


Berlin - Selbst sein Tod ist Teil des Mythos. Aktentauglich notiert im Bericht der Berufsfeuerwehr: "04.20 Uhr, A 94 Fahrtrichtung München: In der Höhe der Anschlussstelle Feldkirchen wurde ein Fußgänger von einem LKW erfasst. Der Feuerwehr-Notarzt Ost konnte nur noch den Tod des Mannes bestätigen." Das war am Morgen des 17. Juli 1987. In der Nacht hatte Jörg Fauser seinen 43. Geburtstag gefeiert.

Die Nüchternheit des Tons dürfte ihm entsprochen haben. Ähnlich kühl wie die Feuerwehr seinen Tod hatte Fauser selbst sein Leben protokolliert: Rohstoff heißt der Roman. Er erschien 1982 bei Ullstein. Und zählt bis heute zu den Hauptwerken eines längst zu schreibenden Gegenkanons bundesrepublikanischer Literatur.

Rohstoff ist das Schrift gewordene Paradox eines Außenseiterblicks von ganz innen auf jene Ereignisse, die heute unter dem Schlagwort "1968" firmieren. Denn Fauser war mit sicherem Instinkt stets dort, wo sich so etwas wie ein Gravitationszentrum der Bewegung anzudeuten schien: Im Herbst 1968 Kommunarde in der "Linkeck"-Kommune in Berlin. Im Mai 1971 verantwortlicher Redakteur der Underground-Zeitung Zoom in Frankfurt. Deren zweite Nummer bereits von den Herausgebern, Besitzern der gleichnamigen Discothek (in akuten Problemen mit dem Rauschgiftdezernat) am Erscheinen gehindert wurde. Nebenbei Hausbesetzer. Und Wachmann bei der Wach- und Schließgesellschaft.

Allein zum Apologeten der antibürgerlichen Revolution taugte Fauser, der inmitten langmähniger Blumenkinder auf kurzem Haar und Anzug bestand, kaum. Dem Antibürger aus innerem Zwang waren die modischen Attitüden seiner Umgebung suspekt. Weshalb Rohstoff durchaus mehr darstellt als die zeitgeistige Hymne auf das befreite Leben.

Heroinsucht

Fausers kritische Distanz noch zur eigenen Existenz dankte sich wohl mindestens zwei Quellen: dem hohen literarischen Anspruch (und Können) des Autors - und seinem, gleichfalls in Rohstoff thematisierten, Vorleben: Bereits als Zweiundzwanzigjähriger war der anerkannte Kriegsdienstverweigerer Fauser heroinsüchtig, brach den Ersatzdienst in einem Krankenhaus ab und lebte für Monate in Tophane, dem Junkie-Viertel Istanbuls. Erst 1972 befreite er sich, mithilfe des von William Burroughs empfohlenen Apomorphin, von der Droge. Ersetzte das Suchtmittel fortan durch Alkohol. Die Droge und das Schreiben waren die beiden, gleichermaßen ernst genommenen, Themen seines Lebens. Und Fauser schrieb unermüdlich - und mit zunehmendem Erfolg.

1973 erschien Die Harry Gelb Story, ein Gedichtband. Im darauf folgenden Jahr sendete der Westdeutsche Rundfunk sein erstes Hörspiel Cafe Nirwana. Er schrieb Essays und Rezensionen für die Basler Zeitung, Drehbücher für Filme über Marcel Duchamp, Bakunin oder das Glücksspiel, interviewte Charles Bukowski für den Playboy. Verfasste eine geniale Biografie über Marlon Brando, genauer: einen großen Essay über den Zusammenhang von Geld und Rebellion. Eine Studie über den Eliotschen Schatten, der die Idee von der Realität trennt. Über "den Mann, der immer gewusst hat, man kann sich die Rebellion versilbern lassen, den Schatten nicht".

Der so genannte Durchbruch, also die für Fauser auch finanziell wichtige Anerkennung bei einem breiteren Publikum, kam endgültig 1981, mit der Veröffentlichung seines ersten Kriminalromans Der Schneemann, drei Jahre später verfilmt von Regisseur Peter F. Bringmann, Titelrolle: Marius Müller-Westernhagen.

Unter den großen deutschsprachigen Autoren des späten zwanzigsten Jahrhunderts ist Fauser heute dennoch einer der unbekanntesten. Was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass seine Werke lange Zeit vergriffen waren. Dass es damit nun Schluss ist, dafür sorgt der Berliner Alexander Verlag. Seit Anfang des Jahres publiziert er eine auf neun Bände angelegte Gesamtausgabe der Werke Fausers. Band 1 und 2, die Marlon-Brando-Biografie und Rohstoff sind, pünktlich zum heutigen sechzigsten Geburtstag Fausers, bereits erschienen.

Allerhöchste Zeit also, den auch stilistisch an Burroughs und Bukowski, an Hammett und Chandler geschulten, kurz: den adjektivkärgsten, straffsten, amerikanischsten aller deutschen Autoren zu entdecken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 7. 2004)

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    "Hier saß ich als Autor eines Manuskripts über die Wirkung harter Drogen und sah aus wie ein Bankangestellter auf dem Weg in das Lungensanatorium der Barmer Ersatzkasse."

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    Drei Passfotogesichter Jörg Fausers: 1966, 1969 und 1971

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