"Manche bekommen keinen Kredit mehr"

28. Juli 2004, 12:48
5 Postings

Für brustschwache Kleinbetriebe und Unternehmensgründer wird es nach Basel II eng bei der Kreditaufnahme, meint der Basel-II-Beauftragte der Wirtschaftskammer, René Alfons Haiden, im STANDARD-Gespräch

Standard: Die EU hat am Mittwoch ihren Richtlinienentwurf für Basel II präsentiert. Ab wann wird das komplexe Regelwerk in Österreich gelten?

Haiden: Anfang 2008. Für die Umsetzung eines derart umfassenden Gesetzes braucht es eine längere Begutachtungsfrist und mindestens eineinhalb Jahre bis zur Gesetzeswerdung. Die EU will Basel II in zwei Stufen, bis Ende 2007, realisieren. Bei uns sind jetzt die Ministerien am Zug, die größte Verantwortung liegt dann bei der Finanzmarktaufsicht: Sie muss die Ratingsysteme jeder einzelnen Bank genehmigen.

Standard: In Österreich wird Basel II für alle Banken, auch die kleinsten Landsparkassen gelten. Werden angesichts des Riesenaufwands Institute aus dem Markt fallen?

Haiden: Nein. Natürlich ist der Aufwand enorm, die Umstellung wird die Banken mehr als 350 Mio. Euro kosten. Aber ein Monster ist Basel II nicht – das Regelwerk ist ja dazu da, die Banken vor sinnlosem Wettbewerb und Schaden zu bewahren. Österreichs Banken müssen im Jahr zwei Mrd. Euro wertberichtigen, das wird und muss weniger werden.

Standard: Was bedeuten die neuen Regeln für die Klein- und Mittelbetriebe? Sie dominieren die österreichische Wirtschaft und sind überwiegend kreditfinanziert.

Haiden: Da wird es massive Veränderungen geben. Die Kreditwerber müssen ihre Dokumentation verbessern, ihrer Bank viel öfter Quartalsberichte, Gewinn- und Verlustrechnungen vorlegen. Die Kreditentscheidungen werden länger dauern, und es wird zu Verteuerungen kommen. Ich schätze, dass rund ein Viertel aller Unternehmen in Zukunft schlechtere Ratings haben werden als jetzt, bei einem 3. Spalte Viertel der Betriebe wird es Verbesserungen geben.

Standard: Schlechtere Ratings bedeuten höhere Zinsen. Wie wird sich das auswirken?

Haiden: Für bestimmte Branchen, etwa Tourismus, Gastronomie, Hotellerie, Bauwirtschaft und Einzelhandel wird es künftig wohl noch schwieriger werden, zu Krediten zu kommen. Manche werden gar keine Kredite mehr bekommen. Enger wird es auch bei Neugründungen, wo es ja noch keine Bilanzen gibt, oder bei Unternehmern, die keine geeigneten Sicherheiten vorweisen können.

Standard: Sehen Sie da eine Flurbereinigung, werden kleine und kapitalschwache Unternehmen kapitulieren?

Haiden: Durchaus möglich. Wenn Basel II hundertprozentig angewendet wird, kommen Strukturveränderungen auf uns zu, und Überkapazitäten am Markt werden abgebaut. Es gibt einfach sehr viele sehr kleine Unternehmen in Österreich; besonders in kapitalschwachen Branchen wie Gastronomie oder Tourismus. Da könnten durchaus welche wegfallen. Aber solche Umstrukturierungswellen kommen immer wieder, Greißler gibt es ja auch kaum noch.

Standard: Basel II als Unternehmens- und Jobkiller?

Haiden: Aber nein. Basel II bietet andererseits große Chancen: Die Banken werden ihre Finanzkraft stärken, Unternehmer müssen sich mit ihren eigenen Betrieben, Controlling und Rechnungswesen, genauer beschäftigen. Und die Wirtschaftspolitik ist gefordert, alternative Finanzierungen wie Mezzaninkapital oder Factoring zu fördern. Kredite sind ja nicht alles. (Renate Graber, Der Standard, Printausgabe, 16.07.2004)

ZUR PERSON: Haiden (73) ist Vizepräsident und Basel-II-Beauftragter der Wirtschaftskammer. Er war Chef von "Z" und Bank Austria, deren Vorstand er heute berät.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Natürlich ist der Aufwand enorm, die Umstellung wird die Banken mehr als 350 Mio. Euro kosten"

Share if you care.