Die Sucht nach Fett

18. Juli 2004, 17:00
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In den letzten Jahren ist eine epidemische Zunahme an Ess-Süchtigen zu beobachten - Frauen sind mit steigendem Alter in der Überzahl

Ess-Störungen sind im Ansteigen begriffen. Neben Magersucht, Bulimie und dem Krankheitsbild der gemischten Symptome ist auch die Zahl der Übergewichtigen bis hin zu den Fettsüchtigen in den westlichen Industrieländern einer enormen Steigerung unterworfen. Während in Amerika die meisten Dicken zu finden sind - etwa 23 Prozent der US-BürgerInnen sind bereits an Fettleibigkeit erkrankt und weitere 35 Prozent weisen Übergewicht auf - geben ExpertInnen an, dass auch in Österreich 11 Prozent der Bevölkerung krankhaft fettsüchtig sind.

Krankheitsrisiken

Bezogen auf die Geschlechter seien 40 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen übergewichtig sowie 8 Prozent der Männer und 7 Prozent der Frauen von Adipositas betroffen - hier gehen jedoch die statistischen Angaben auseinander - wobei ab dem 40. Lebensjahr der Anteil der Frauen ansteigt. Für die industrialisierten Länder ergibt sich hiermit ein Anstieg der Adipositas-Kranken um etwa 60 Prozent im Zeitraum der letzten zehn Jahre. Der Ausdruck "Epidemie von starker Gewichtszunahme" erscheint aufgrund dieser Daten alles andere als übertrieben und im Gegenteil besorgniserregend. Denn Übergewicht und insbesondere Fettleibigkeit führen zu einer Reihe von Folgeerkrankungen und einer kürzeren Lebenserwartung. So besitzen Übergewichtige unter vielen anderen Risiken ein bis zu 60-fach höheres Diabetesrisiko und ein bis zu 70-fach gesteigertes Herzinfarktrisiko als der Rest der Bevölkerung.

Wann gilt eine/r als fettsüchtig?

Gewöhnlich wird von Fettsucht gesprochen, wenn das Körpergewicht das Standardgewicht der Größe-Gewichtstabellen um 20 Prozent übersteigt. Geeigneter erweist sich jedoch die Feststellung anhand des Body-Mass-Index (BMI), der berechnet wird, indem das Gewicht durch das Quadrat der Größe in Metern dividiert wird. Als normalgewichtig gelten Personen mit einem BMI zwischen 18,5 und 24,9, als übergewichtig zwischen 25 und 29,9 und als fettleibig bei einem BMI über 30. Ist der Body-Mass-Index sogar höher als 40, wird von morbider Adipositas gesprochen. Außerdem zeigt die Verteilung des Körperfettes an, wie hoch das Risiko für Folgeerkrankungen ist: Bauchfett gilt gefährlicher für die Gesundheit als Fett an den Hüften. Diese Grenze des Taillenunfangs betrage bei Frauen 88 Zentimeter, bei Männer 102.

Ursachen für Adipositas

Bei den Ursachen von Adipositas werden neben Ernährung und Lebensweise vor allem seelische und auch genetische Faktoren angeführt. Jedoch, so betont die Mehrheit der ExpertInnen, handle es sich lediglich in fünf Prozent der festgestellten Übergewichts-Fälle um angeborene Stoffwechselkrankheiten. Die anderen 95 Prozent würden schlicht auf falsche Ernährung - primär zuviel Fett - gepaart mit Bewegungsmangel zurückgehen. Bleibt zu fragen, warum bestimmte Menschen zuviel essen? Hier werden zuallererst psychosomatische Ursachen angeführt, die wiederum mit Stress-Syndromen in Verbindung gebracht werden. Diese Erklärungsansätze erscheinen jedoch verkürzt und damit die Wurzeln der Ess-Sucht nicht wirklich zu berühren.

Versuchte Lösung von Stereotypien

Lange Zeit ist die Ess- und Fettsucht nicht als klassische Ess-Störung definiert worden. Erst im Zuge der durch die Frauenbewegung der späten 70er-Jahre erwachten Sensibilität für derartige Störungen wurde ein Zusammenhang hergestellt und die gesellschaftliche Forderung eines Körperideals insbesondere für Frauen als krankmachend erkannt. Das bedeutet, dass Frauen bei ihrem Anpassungsversuch, der als Ideal produzierten Norm zu entsprechen - und diese ist nicht nur rein äußerlich, sondern im gesamten Wertekatalog, wie eine "gute, schöne Frau" zu sein hat, zu verstehen - genauso fett (esssüchtig) werden können, wie dürr (magersüchtig) oder bulimisch (fress- und kotzsüchtig).

Wenn auch die autoaggressive Äußerungsform variiert, der sexistische Druck auf Frauen bleibt der gleiche. Ein gravierender Unterschied besteht jedoch auf jeden Fall: Während anorektische Frauen mit Mitleid und Besorgnis der Umwelt überschüttet werden, bekommen Dicke und vor allem Fettsüchtige die volle Verachtung und Entwertung ihrer Umgebung ab, vielleicht, weil sie es wagen sich noch viel mehr von der Norm zu entfernen als dies als zu dünn Befundene tun. Das Resultat? Sie essen noch mehr und versuchen mit ihrer Fettschicht einen geeigneten Schutz gegen Attacken von außen aufzubauen. Ein Dilemma ohne Ende.
(Dagmar Buchta)

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    In erster Linie sind es natürlich falsche Ernährung und Bewegungsmangel, die zu Übergewicht und Adipositas führen...
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    ... doch dahinter stecken - wie bei anderen Ess-Störungen auch - psychische Probleme.
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