Politisches, höchst unterhaltsam: Superamas bei ImPulsTanz

16. Juli 2004, 12:58
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Österreichisch-französisches Kollektiv begeistert mit intelligenter Filmkaraoke

Wien - Eine Miss-World-taugliche Stewardess, die sich zur Feministin aufschwingt, Models, die politisch sein wollen, und Männer, die mit Lippenstift experimentieren: Das österreichisch-französische Künstlerkollektiv "Superamas" hat gestern, Sonntag, mit der österreichischen Erstaufführung der zweiten Episode von "BIG (show/business)" beim ImPulsTanz-Festival bewiesen, dass politische Kunst ungemein unterhaltsam sein kann - und vielleicht muss. Massenkultur reloaded, das ist das Prinzip der smarten Formation, die mit Wiederholung und Differenz Wahrnehmungsschärfung provoziert und dem Tanzfestival damit einen Höhepunkt beschert.

Reden durch die Massenkultur

Filmkaraoke ist das Spiel, das Superamas mit Perfektion betreibt: Zu Voice-Over-Tonspuren geben sie Live-Performances, sozusagen Synchronisation falsch herum. Zwei Szenen sind es bei "BIG, 2nd episode", die immer und immer wieder gespielt werden, unheimlich perfekt ausgeführt und mit feinem Gespür für Dramaturgie. Im Duty-Free Shop am Flughafen probieren zwei schicke Typen Make-Up für Männer und flirten mit der Stewardess. Das sexistische Gehabe bekommt schlagartig eine andere Konnotation, wenn sich zwischendurch plötzlich die Männer küssen oder die Stewardess ein Bekenntnis über ihre Bulimie ablegt. Fremde Geständnisse aus Filmzitaten zusammengeschnitten.

Die zweite Szene ist ein Sponsor-Aufriss. Wenn Gin, pseudo-zwanglose Atmosphäre und Business-Talk nicht reichen, um den potenten Firmenboss vom Erfolg der Superamas zu überzeugen, muss wieder die Superfrau ran, zum Blow-Job. Immer freundlich lächelnd wird erfüllt, was erwartet wird. Doch dann nimmt sich Elisa Benureau, im wirklichen Leben Stewardess bei Air France, das Mikro. Leise, verletzlich, ohne Begleitung singt sie "What's Up" von den 4 Non Blondes, von der Verzweiflung über diese "Brotherhood of man, for whatever that means." Und sieht dabei so perfekt aus, als würde sie sich durch eine Haarshampoo-Werbung bewegen. Wie alles in der Show ein Zitat. Denn Superamas reden nicht über die Massenkultur, sondern mit und durch sie.

Letztes Leinwandwort

Und sie tun es abwechslungsreich, intelligent und sehr witzig. Stellen einen Filmausschnitt aus Ben Stillers Model-Klamauk "Zoolander" voran, lassen selbst Parade-Intellektuelle wie Filmemacher Jean-Luc Godard mit sexistischen Sprüchen dumm aussehen, setzen noch Britney Spears als sexy Stewardess beim Videodreh zu "Toxic" gegen Ende als I-Tüpfelchen drauf und geben dann doch einem Kritiker das letzte Leinwandwort: Man könne nicht mehr ernsthaft behaupten, außerhalb der Massenkultur zu stehen.

Wer sich der sympathischen Gesellschaftskritik der Superamas unterziehen will, hat dazu noch bei "BIG, 1st episode (reality show / artificial intelligence)" am 7. August bei ImPulsTanz Gelegenheit. Die zweite Episode ist vom 2. bis 4. Dezember nochmal in Wien zu sehen, im Tanzquartier. (von Judith Helmer/APA)

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