Österreich verteidigt seine Feiertage

28. Juli 2004, 13:03
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Grasser: Zwei Feiertage abschaffen oder auf Freitage verlegen, um "Fenstertage" zu streichen - Geschlossene Front aller Parteien dagegen

Wien – Wäre es um die Abschaffung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes gegangen, der Sturm der Entrüstung hätte nicht größer sein können. Quer durch alle Lager gab es am Donnerstag eine geschlossene Front der Ablehnung für den Vorschlag von Finanzminister Karl-Heinz Grasser, zwei Feiertage abzuschaffen oder zumindest auf Freitage zu verlegen, um die so genannten "Fenstertage" zu streichen.

In der FPÖ waren sich Sozialminister Herbert Haupt und Vizekanzler Hubert Gorbach einig, dass "Feiertage ernst zu nehmen" (Gorbach), da sie "eine wichtige Basis für Familie und Vereinsleben" (Haupt) seien. In der Kanzlerpartei beeilte sich Wirtschaftsminister Martin Bartenstein mitzuteilen, dass eine Abschaffung "kein Thema war und ist" und warnte davor, die Österreicher mit diesem Reizthema zu ärgern. Naturgemäß schritten auch Vertreter der Kirche zur Verteidigung ihrer Feiertage, ebenso wie Gewerkschaften und die Opposition.

Keine Wirtschaftshilfe

Selbst aus den Reihen der Wirtschaft erfuhr Grasser Widerspruch. Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl lehnte eine Abschaffung kategorisch ab, da sie zur "Lebenskultur der Bevölkerung gehören". Der notwendige Kraftakt zur Durchsetzung einer Änderung stehe in keinem Verhältnis zum Ergebnis, sagte Leitl.

Ohnedies gibt es kaum eine Beurteilungsbasis für die Frage, ob eine Verlegung der Feiertage auf Freitage und somit ein Entfallen der "Fenstertage" einen nachweislichen Produktivitätsgewinn für Betriebe brächte. IHS-Chef Bernhard Felderer erklärte auf Anfrage des Standard, ihm sei keine diesbezügliche Studie bekannt. Zwar sei eine Diskussion um Arbeitszeitverlängerung kein Tabu mehr, aber "es gibt Instrumente, die kurzfristiger wirken", sagte Felderer im Rahmen eines wirtschaftspolitischen Gesprächs der ÖVP, an dem er als Experte teilnahm. Vor allem die Flexibilisierung der Arbeitszeit – also die Verteilung der Jahresarbeitszeit entsprechend den betrieblichen Notwendigkeiten, und nicht in starren Wochenarbeitszeiten – würde eine bessere Auslastung von Investitionen und damit Kostenersparnis bringen.

Auch Böhler-Uddeholm- Chef Claus Raidl, oberster ÖVP-Wirtschaftsberater, sieht in der Durchrechnung von Arbeitszeiten über das gesamte Jahr (statt wie bisher für maximal 37 Wochen) eine geeignete Maßnahme, um Schwankungen der Auftragslage auszugleichen und so Kosten zu senken. Gleichzeitig plädierte er jedoch auch für eine "sachliche Diskussion" der Gesamtarbeitszeit, da die Arbeitszeitverkürzung der letzten Jahrzehnte den Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht gebrochen habe. Eine Verschiebung der Feiertage wäre für produzierende Betriebe, wie Böhler, eine Erleichterung, da kostspielige Unterbrechungen der Anlagen damit entfallen. (Helmut Spudich, Der Standard, Printausgabe, 16.07.2004)

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    Finanzminister Grasser will zwei Feiertage abschaffen

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