Ein Frühstück im Bett

13. Juli 2006, 17:15
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Das Thema Wohnen gilt im Pop nicht viel. Trotzdem taucht es immer wieder auf. Ein kleiner Einblick in einen wenig beleuchteten Winkel

Pop als Abbild des Lebens sowie der Flucht daraus hat so ziemlich alles behandelt, was zum Dasein des Menschen gehört: die Liebe, viele bunte Autos, die Mutti, aller Herren Länder, Mord und Totschlag. Verlassen werden sowieso. Dann das Wiederfinden, die dazugehörenden Blümchen, die euphorischen Tätowierungen ("für immer . . ."). Über die Blue-Suede-Schuhe zur Hochzeit wurde genauso gesungen wie über die anschließend die Scheidung beschleunigenden Waffen. Dazu meterweise Material über Whiskey, Rauchwaren aller Art und jetzt aus hier, weil das führt ja sonst ins Bodenlose. Dem eskapistischen Angebot von Pop folgend, werden gewisse Themen jedoch weit gehend ausgespart. Gesundheit und Krankheit sind so Fälle, Wohnen detto. Obwohl fast jeder wohnt, werden Geschichten erst dann interessant, wenn jemand das Haus verlässt, sich am Saturday Night Fever infiziert, Richtung Railroad Track wandert oder mit dem Auto den Highway To Hell nimmt.

Wohnen als Thema ist nicht funky. Eindeutig benannten Genres wie Lounge, Ambient oder House zum Trotz. Wobei Ambient immerhin virtuellen Möbelcharakter besitzt, und der neobiedermeierische Begriff Soundtapete für im Hintergrund plätscherndes Lounge-Geblubber ruft ebenfalls Leiner-Katalog-Assoziationen hervor, verströmt also durchaus die Aura von Hausschlapfen, Trainingsanzug und Fernbedienung.

Wohnen bedeutet Alltag, und Pop als Fluchthelfer will davon nichts wissen. Oder nur wenig. Auf ein Breakfast In Bed, wie es Dusty Springfield auf ihrem Album Dusty In Memphis besingt, können sich wohl alle einigen. Dann wird's schwierig. Oder lustig. Denkt man zum Beispiel an den verstorbenen Gitarristen Joseph Spence von den Bahamas. Von diesem Ry-Cooder-Lehrer gibt es Aufnahmen, die in seiner Küche gemacht wurden. Während er singt und klampft, hört man die Koch- und Waschgeräusche seiner Frau, die ihm hin und wieder textlich aus der Patsche hilft und so einen sehr ungewöhnlichen Einblick in ein Zuhause liefert: Home is where the Abwasch scheppert.

Natürlich wird das Heim auch oft von auf Wanderschaft Befindlichen herbeigesehnt. Es steht als Metapher für Geborgenheit ebenso wie für einen Depressionsgaranten: "Nothing brings you down like your hometown". Steve Earl im Hometown-Blues. Detaillierte Beschreibungen eines Eigenheims, wie sie die Falschen Freunde (siehe Seite 3) präsentieren, besitzen Ausnahmestatus. Zu finden sind sie am ehesten im New Wave, einem betont unterkühlten Genre, mit dem ab den späten 70ern eine neue Sachlichkeit im Pop Einzug hielt. Darin erhascht man manchen Blick in fremde vier Wände: "My building has every convenience. It's gonna make life easy for me. (...) I will relax, along with my loved ones, loved ones, loved ones, visit the building. Take the highway, park, and come up and see me. I'll be working, working, but if you come visit, I'll put down what I'm doing, my friends are important." Bei aller Lobpreisung der Vorzüge einen Hauses ist das Hauptthema in diesem Talking-Heads-Song nicht schöner Wohnen. Hier wird Yuppietum und Prestigedenken verhandelt. Sujets, die Bret Easton Ellis in seinem Bestseller American Psycho ein paar Jahre später mit seitenlangen Abhandlungen über Labels und Marken auf die Spitze treiben wird.

Apropos Psycho. Es lässt sich behaupten, dass, je spezifischer das Wohnen behandelt wird, die Ergebnisse umso bedrohlicher ausfallen. Etwa wenn die Handsome Family im Song Moving Furniture einen Typen beschreibt, der krankhaft seine Wohnung umstellt, um sich davon abzulenken, dass in seinem Haus die Hölle los ist. Oder wenn sich bei der Band They Might Be Giants ein "Mr. Horrible" darüber beschwert, dass ihm ständig jemand den Sessel in seinem Wohnzimmer verstellt. Von hier zum Devil In My Closet von Camper van Beethoven sind es nur noch wenige Schlaftablettenselbstversuche.

"There's a world where I can go and tell my secrets to. In my room, in my room" von Beach Boy Brian Wilson besitzt einen diesbezüglich auch nicht ganz sorgenfreien Charakter. Aber es gibt auch andere Beispiele. Im House Song von Lee Hazlewood beschreibt dieser mit der Hingabe eines Immobilienmaklers, den man im richtigen Leben erst erfinden müsste, liebevoll die Eigenheiten eines zum Verkauf stehenden alten Hauses. Grant Hart, früher Schlagzeuger bei der US-Band Hüsker Dü, erinnert sich in 2541, der Hausnummer des früheren Büros der Band, wehmütig an die gemeinsam dort verbrachte Zeit. Was Drei Mann im Doppelbett so treiben, der Welt von der Neuen-Deutsche-Welle-Band Trio geschenkt, gehört ebenso zum Thema wie der bislang exzentrischste Wunsch bezüglich der Errichtung eines Eigenheims: Bau mir ein Haus aus den Knochen von Cary Grant.

Max Goldt äußerte 1986 mit der Band Foyer Des Arts auf dem Album Die Unfähigkeit zu Frühstücken diesen Wunsch. Soll sein. Immerhin wollte sogar Elvis Presley, prominenter Bewohner des Heartbreak Hotel, bereits in den Fifties nur das eine: ein Haus für seine Familie. Mit Baby, Let's Play House war dann allerdings was ganz anderes gemeint . . . (DERSTANDARD/rondo/Karl Fluch/16/04/07)

"American Music"
von Annie Leibovitz
Verlag Schirmer Mosel
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