Doppelflügeltüren in Wien

22. Juli 2004, 17:38
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"Die Falschen Freunde" haben mit dem Song "Wien" das Lebensgefühl Altbauwohnung vertont

Die richtigen Freunde waren damals nie aus Wien. Die kamen aus Oberösterreich, aus der Steiermark, aus Südtirol. Sie wohnten immer in Altbauwohnungen, und sie wohnten nie allein, weil die Altbauwohnungen Wiens damals von unermesslichen Dimensionen schienen. Uns Zugereisten jedenfalls. Quasi uns Provinzlern.


------------------"Mein Herz - auf einem Parkettfußboden in Wien"------------------

Wien, das war Altbauwohnung, noch billig, weil nicht hergerichtet, knarrende Sternparketten, undichte Kastenfenster, Doppelflügeltüren mit bröckelndem Kitt, Milchglasscheiben mit Engerlätzung, unter Putz verlegte stoffumwickelte Stromkabel samt regelmäßig auftretenden Kabelschmorbränden wegen der Verstärker, Heizstrahler und Stereoanlagen. Enorme Räume, gewaltige Raumhöhen, neue Dimensionen. Das Mezzanin - wo gibt's das sonst schon - das war nie der erste Stock. Alles darüber - ein Traum. Und endlich keiner mehr da, der sagt, wann man zu Hause sein soll.

Irgendwoher kommt dann Jahre, um nicht zu sagen, Äonen später ein Lied daher. Dank FM4 natürlich, dem Sender, der sogar Tagebücher schreiben lässt, und ohne den man hierzulande mittlerweile im erbärmlichen Mainstream der Musikindustrie absaufen müsste. Da singt ein eindeutiger Nicht-Österreicher über Wien, über Parkettfußböden und Doppelflügeltüren, über Raumhöhen und Mezzanin. Architektur und Design und ein bisschen Gefühliges, und alles eingepackt in eine recht propere Melodei, fesch arrangiert, unverkennbar zeitgenössisch.


------------------"Mein Verstand - verloren zwischen erstem Stock und Mezzanin"------------------

Die Band zum Song heißt "Die Falschen Freunde", und die sind auch nicht aus Wien. Sie kommen aus München, aus Ober- und Niederösterreich, und nicht nur, aber schon auch wegen der ältersemestrigen Stadt- und Wohnlandschaft Wiens sind sie hier geblieben, um zu arbeiten, um Musik zu machen, um sich an der durchaus lebendigen Szene zu freuen, die nicht zuletzt auch dank der etwas angemorschten und darum teils für Leute, die ihr Leben gerade erst in die eigenen Hände nehmen, noch erschwinglichen Bausubstanz der Donaumetropole kleinteilig und vielfältig geblieben ist.

------------------"Ich kann nicht entfliehen - ich hab mich verliebt in Wien"------------------

Die Subkultur ist in den Stadtbahnbögen zu Hause, in den Proberäumen der Altbaukeller und in anderen Etablissements, die anderswo nicht so leicht für verhältnismäßig wenig Geld aufzutreiben sind. Die Szene in Wien, sagen die falschen Freunde, sei nicht so gettoisiert wie anderswo, sie verteile sich auf die einzelnen Bezirke, überall sei etwas los.

Wien, über das die Wiener so gerne lästern, wäre nach Einwohnern immerhin die drittgrößte Stadt, läge es in Deutschland. "Alles hier ist eine halbe Schuhnummer größer als in München", sagt Fred Schreiber, Gesang und Text, "und wenn man dann in seiner neu gemieteten Altbauwohnung sitzt, wird auch die eigene kleine Welt plötzlich ein bisschen größer."

Die Altbauwohnung, so der Münchner Frank Januschke, Gitarre und Musik, sei auch ein Synonym dafür, sein Leben neu zu bewerten. Oder, wie Mario Lackner, Schlagzeug und Percussion, ätzt, der Spiegel dessen, wie Münchner langsam zu Wienern werden.


------------------"Meine Träume fliegen durch vier Meter hohe Altbauräume in Wien"------------------

Die erste Textzeile fiel Schreiber schon vor sieben Jahren ein, als er nach Österreich kam. Finalisiert wurde die Angelegenheit erst jetzt, sie ist auf der CD Die Falschen Freunde. Alles ist Pop nachzuhören. Doch damit die vertonte Liebeserklärung an die Stadt nicht zu sülzig rüberkommt, relativiert der Münchner: "Es ist doch auch als mahnendes Beispiel gedacht, weil sich in Österreich alles auf Wien konzentriert, letztlich sollte man das alles nicht zu ernst nehmen."

------------------"Meine kleine Welt wirkt so groß durch den Blick einer Doppelflügeltür in Wien"------------------

Tun wir aber schon. Wien ist schließlich die Stadt, in der für viele, die hierher kommen, alles neu beginnt. Die billigen Altbauwohnungen für die Studenten-WGs gibt es zwar noch, aber sie sind rarer geworden. Die mittlerweile eingebauten Gasetagenheizungen und Klos lassen die Preise in die Höhe schnalzen, die Doppelflügeltüren wurden verspachtelt und neu gestrichen, die Fenster abgedichtet. Trotzdem bleiben die Altbauwohnungen Wiens letztlich Synonym für ein ganz bestimmtes Lebensgefühl, und das zu vertonen und zu vertexten ist den falschen Freunden ziemlich gut gelungen. (DERSTANDARD/rondo/Ute Woltron/16/07/04)

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