Wohlstandsirokese

22. Juli 2004, 17:38
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Neuerdings tauchen modisch gekleidete Herren mit Bürstenfrisur auf

+++Pro
von Doris Priesching

Unumstrittener Tiefpunkt männlicher Haarmoden (von den weiblichen wollen wir hier Gott sei Dank nicht reden) ist seit Menschengedenken der in den Achtzigern so beliebte Oben-kurz-hinten-lang-Schnitt. Diese Frisur, im Jargon kurz "G'nackmatte" genannt und in ihren übelsten Ausführungen mit Dauerwelle versehen, repräsentierte in schockierender Weise das Lebensgefühl eines Jahrzehnts: Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Patrick Swayze. Oder besser: Geschmacklosigkeit gepaart mit Dumpfheit.

Was nachher kam, war nicht besser, nur langweiliger. Kurzhaarschnitte, so weit das Auge reichte, die Glatze als Ausdruck einer glatten, freudlosen Generation.

Neuerdings tauchen modisch gekleidete Herren mit Bürstenfrisur auf. Warum nicht? Erinnern wir uns an das nette Grüppchen, dem wir die Idee zu verdanken haben: Sid Vicious, Johnny Rotten, Nina Hagen und die vielen andern süßen Punks, die "keine Zukunft" beschworen, sie dafür stolz am Haupte trugen. Unkonventionell. Wegweisend!

Der Irokese war und ist von natürlicher Lebendigkeit, und vielleicht gelingt Männern ein Schritt zur Selbstfindung, wenn sie heute frei von ideologischen Zwängen diesen Akt der Unabhängigkeit setzen. Es wäre hoch an der Zeit. Dass derjenige, der damit rumläuft, sich dafür in 20 Jahren in Grund und Boden genieren wird, muss nicht unser Problem sein.

Noch aber ist es richtig und wichtig, oder, was meinen Sie? Schaut etwa David Beckham mit Glatze nicht schändlich dumm aus?

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Contra--
von Karl Fluch

Nichts gegen den Irokesen an sich. In Zeiten, in denen nicht weniger gockelhafte Attitüden wie auffrisierte Mittelklassewagen, baumdicke Würgetücher um den Hals oder Selbstbräunungscremes althergebrachte Rangordnungsspielchen ersetzt haben, aber eigentlich auch nichts anderes sollen, als auf ordentlich geladene Patronen hinweisen, kann es von mir aus ruhig ein wenig archetypisch zugehen: Ich Tarzan, du Jane. Eine über Rübe - und ab in die Höhle. Einerseits.

Andererseits würde sich Oma natürlich fürchten, wenn sie mit ihrem Sparstrumpf auf die Bank geht und hinter dem Schalter einen Irokesenmann sieht: Einen strammen Haarspitz mit ausrasierten Seiten, möglicherweise noch mit einem Hirnrinden-Tatoo. Wär' das schlecht für die Bausparvertragsabschlüsse! Damit weder Oma Furcht noch der Schaltermann unter mangelnder Selbstverwirklichung oder gar die Bank an Kundenschwund leiden muss, hat sich die Welt nun den Wohlstandsirokesen ausgedacht. Eine kastrierte Version des richtigen Haarkamms, bei dem auch seitlich auf den Kahlschlag verzichtet wird. Berühmt gemacht hat ihn ein Fußballer. David Beckham, der Elferkönig von Portugal, trug vor der aktuellen Glatze den Trau-Mi-Net-Ki(c)keriki.

Dass ausgerechnet ein Fußballer Frisurenvorbild für Legionen von Ballbesitzern weltweit wurde, sollte an sich schon Alarm auslösen. Gelten Kicker doch als wesentlich dafür mitverantwortlich, dass ein anderer Frisurenirrtum nicht totzukriegen ist: der Vo-ku-hi-la. (Der Standard/rondo/16/07/2004)

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