Ferragosto

30. Juli 2004, 00:12
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Zunächst einmal: Liebe Grüße aus Florenz. Ja, die Urlaubszeit. Fluch oder Segen? Jahr für Jahr ist man aufgerufen nachzuprüfen, ob Ersteres oder Letzteres zutrifft. Tatsache ist, dass Urlaub sein muss, schon allein, weil es nicht Alltag ist. Urlaub ist Unterschied. Abwechslung zum ewig gleichen Sumpf. Aber wenn man nicht aufpasst, sitzt man aus bloßer Sehnsucht nach Abwechslung in Cap d'Antibes in irgendeinem Luxushotel und zahlt Unsummen für das Privileg, sich nach dem heimatlichen Wieden zu verzehren wie weiland der Graf von Monte Christo nach seiner Freiheit.

In meinem Urlaubsratgeber Gelungener Urlaub kann nur Zufall sein aus dem Jahre 1997, Brandstifter Verlag, vergriffen, habe ich ein paar Patentrezepte verraten, die ich hier noch einmal Revuebein passieren lassen möchte. Einige Regeln sind nach wie vor gültig, zum Beispiel, dass man im Sommerurlaub nie aufs Land fahren sollte. Im Sommer muss man das Land den Insekten überlassen, es ist ihre Jahreszeit, und der Mensch, der sich nicht respektvoll diesem Faktum beugen will, wird es bitter bereuen. Im Sommer fährt man in eine Stadt, nach Dakar, Tokio oder Moskau. Es gibt auch Städte am Meer, Lissabon oder Rostock, aber die soll man meiden, denn dort könnte man deutschsprachige Mitbürger treffen. Nichts gegen Landsleute, aber sie mindern eindeutig den Status des Erholungssuchenden.

Da es immer schwieriger wird, Urlaub ohne deutschsprachige Mitbürger zu machen, sollte man im Urlaub seine eigene Identität wechseln. Wenn man das ganze Jahr in der Volkshochschule Inuit lernt, kann man in Palma de Mallorca behaupten, man sei Eskimo und kenne 28 verschiedene Worte für Schnee. Man erzählt dann blumige Geschichten vom Walfang und verfestigt beiläufig im mallorquinischen Volke die Meinung, Eskimos in Ferien vertrügen noch weniger Alkohol als die Deutschen.

Aber auch dann bleiben immer noch viele Urlaubsfragen ungeklärt. Auch die hässliche Frage: Was machen Sie eigentlich beruflich? Ich mag diese Frage nicht, denn die Eskimos kennen ja 38 verschiedene Worte für Zufall. Soll ich lieber sagen, ich sei eine gescheiterte Sexkolumnistin? Könnte gefährlich sein, weil dann vielleicht ein Sendungsbewusstsein ausbricht und der Sinn von Urlaub ist letztlich Distanz zu allem und jedem, vor allem natürlich zu den sexuellen Problemen.

Eine weitere schwierige Urlaubsfrage ist: Soll man Kulturschätze besichtigen oder gleich morgens in Bars gehen? Ich meine, das ist eine Frage des Ehrgeizes. Wer als Ernest Hemingway Grönlands in die Geschichte eingehen will, kann unmöglich die knappen Ferien in Kirchen und Tempeln vertrödeln. Überdies empfehle ich als Ferienziel Italien. Dieses Land ist seit den Ostgoten noch mit jedem Gast glänzend zurande gekommen.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/16/07/2004)

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