Mode aus Hightech-Stoffen

27. Juli 2004, 15:46
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Schweizer Textilfirma kontert Billigimporten mit Innovation

Martin Leuthold ist nicht auf der Bühne, wenn die Designer der großen Labels nach den Pariser Modeschauen im Applaus baden. Dabei ständen Karl Lagerfeld oder Tom Ford recht nackt da, wenn es ihn nicht gäbe, wie Tischler ohne Holz, Köche ohne Fisch oder Fleisch: Leuthold entwirft die Stoffe, aus denen Haute-Couture- und Prêt-à-porter-Modelle entstehen. Der Kreativchef der Schweizer Firma Jakob Schlaepfer designt den Rohstoff, der die berühmtesten Modemacher zu ihren Kreationen inspiriert.

Strenge Arbeitsteilung herrscht an der Spitze der Branche. "Jeder macht, was er am besten kann. Und wir sind eben Stoffmacher", sagt der kräftige St. Galler, ein Jeans-Träger, der mit Dreitage-Bart, schulterlangen grauen Haaren und schwarzer Brille auch Buchhändler oder Architekt sein könnte. "Wir wissen, wo man das beste Garn kauft, wie man es färbt und bearbeitet." Nur wenige Modemacher stellen ihre Stoffe selber her, höchstens am Anfang der Karriere. Nein, lieber schauen die Couturiers von Lacroix, Chanel, Ungaro, Gigli, Dior, Saint Laurent oder Versace aufmerksam hin, wenn die Firma Schlaepfer zweimal im Jahr in Paris ihre neuesten Stoff-Einfälle präsentiert. Kaum ein Material, das in dem schlichten Gebäude am Rande von St. Gallen nicht zu Stoff verarbeitet wird, ob Papier, Latex, Folien, Plastik, Pferdehaar oder Kaffeesiebe. Dazu kommen diverse Verzierungen: Stickereien, bunte Steine, Perlen, Lamellen, Tischtennisbälle, Blumen aus Holz oder Fell-Imitat. Leder und echte Steine verwendet Leuthold nie, "wir sind weder Kürschner noch Juweliere." Es gibt genügend Kunststoffe, die seine Fantasie reizen: Verformbare Metallgewebe, fluoreszierende Garne, leuchtende Glasfasern.

Die Paillettenstickerei, die 1963 patentiert wurde, machte Schlaepfer bekannt. Seither wurden viele weitere Techniken integriert. So kann der Stoff nun digital per Inkjet bedruckt werden, was neue Nuancierungen erlaubt. Mit Laser sind feinste, früher undenkbare Schnitte möglich. Bei Synthetika verschmilzt der Lichtstrahl die Kanten. Zarte Gebilde entstehen so, Ornamente aus Spitzen-Imitaten, die nur punktuell zusammenhängen, Stoffe aus fast nichts. Gefertigt wird ausschließlich in St. Gallen, mit einem hohen Handanteil, was Preise von bis zu 2000 Franken pro Meter erklärt.

In St. Gallen sitzt die 1904 gegründete Firma nicht zufällig. Die Textiltradition reicht hier ins dritte Jahrhundert zurück und erlebte Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Maschinenstickerei ihren Höhepunkt. Die Industrie leidet unter der Billig-Konkurrenz aus Korea oder der Türkei, doch Leuthold glaubt an den Standort, der sich stets gewandelt habe: "Eine solche Ballung von begeisterten Menschen, von Technik und Wissen entsteht langsam. Die kann man nicht einfach verpflanzen." (DER STANDARD, Printausgabe vom 15.7.2004)

Von
Thomas Kirchner aus Zürich
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