Schweigen unter dem Kreuz

2. September 2004, 18:48
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Der Skandal von St. Pölten heißt Kindesmissbrauch und betrifft nicht nur die Kirche - von Peter Mayr

Man kann der römisch-katholische Kirche Österreichs viel nachsagen, der offene, nachvollziehbare Umgang mit Problemen gehört nicht dazu. Das zeigt sich auch bei den Vorkommnissen im St. Pöltner Priesterseminar. Der Vatikan schweigt. Wie und wann er reagieren wird, bleibt unbekannt. Zeit, so scheint es, ist in der 2000-jährigen Kirchengeschichte ein relativer Begriff.

"Fall Groër" - Zur Erinnerung

So war es schon beim bisherigen traurigen Höhepunkt von Sex- und Missbrauchsaffären in der österreichischen Kirche, dem "Fall Groër". Zur Erinnerung: 1985 berichtet der Göttweiger Pater Udo Fischer seinem Abt Clemens Lashofer über sexuelle Belästigungen durch Hans Hermann Groër. Ein Jahr später ernennt der Papst Groër zum Wiener Erzbischof. Erst 1995 führt der Fall zum Fall. Der Rest ist traurige Kirchengeschichte.

Auch wenn sich der Vatikan Zeit lässt, im Fall Krenns könnte es rascher Konsequenzen geben - zu schwer wiegend sind die Vorwürfe, zu groß die Versäumnisse. Kurt Krenn hat als Leiter einer Diözese versagt. Sein Sonderweg fernab der anderen Diözesen ist gescheitert. Dass die anderen Bischöfe die kirchliche Tradition unerbittlicher Diskretion über Bord werfen und offen gegen ihn Stellung beziehen, ist verständlich, aber unüblich. Es soll nicht die gesamte Kirche Österreichs auf der Anklagebank landen.

Aus der Causa Groër gelernt

Man hat offenbar aus der Causa Groër gelernt - nur nicht in St. Pölten. Jede Diözese verfügt über eine Ombudsstelle, die bei Missbrauchsverdacht sofort aktiv wird - bis auf St. Pölten. Jeder, der in ein Priesterseminar geht, muss eine Art Probejahr absolvieren - nur nicht in St. Pölten.

Kurt Krenn ist, wenn man so will, eine kirchliche Altlast. Ein Reformverweigerer, der bis zuletzt an längst infrage zu stellenden Traditionen festhält. Aus dieser Glaubenswelt erklärt sich auch die schon lächerlich wirkende Weigerung, das Evidente zur Kenntnis zu nehmen.

So werden aus Zungenküssen "Bubenstreiche". So sieht man auch keine Beweise für Homosexualität im Priesterseminar.

Sexuelle Ausbeutung

Dabei wird verdrängt und geleugnet, was das eigentliche Fatale an der Angelegenheit ist: Es geht nicht und ging nie um die sexuelle Ausrichtung Erwachsener, sondern darum, ob im Priesterseminar sexuelle Ausbeutung Abhängiger praktiziert wurde. Dass im Seminar Websites angeschaut worden sind, deren Inhalt eindeutig Kinderpornografie ist, weist zudem in Richtung Pädophilie. Das ist der eigentliche Skandal, das ist der unerträgliche Kern der Affäre, dem sich Krenn - noch - nicht stellen will.

Nun ist ja seit längerem klar, dass die Kirche mit gelebter Sexualität - egal welcher Neigung - nicht wirklich souverän umgeht. Mindestens ebenso verklemmt und die Fakten des Geschehens missachtend läuft allerdings die öffentliche Diskussion über die Vorfälle in St. Pölten ab. Schnell wird da eine Kausalkette Kirche - homosexuell - Missbrauchsgefahr geknüpft, die so nicht halten kann.

Zölibat

Homosexualität führt wie Heterosexualität nicht automatisch zu Kindesmissbrauch. Der Zölibat hat grundsätzlich weder mit dem einen noch dem anderen etwas zu tun, und schon gar nicht bedingt er das Dritte.

Die Debatte über den Skandal zeigt, wie hilflos auch die säkularisierte Gesellschaft einem Phänomen gegenübersteht, das sie seit jeher betrifft und das erst in den letzten Jahren offener angesprochen wurde. Jedes dritte bis vierte Mädchen, jeder siebte bis achte Bub wird zwischen dem ersten und sechzehnten Lebensjahr Opfer von sexueller Gewalt, belegt eine Studie des Sozialministeriums. Die Täter sind in den meisten Fällen Familienmitglieder - und auch hier wird geleugnet und vertuscht, was das Zeug hält.

Deshalb sind die Vorkommnisse in St. Pölten nicht herunterzuspielen, sie müssen vielmehr zu dem Schluss führen: Kindesmissbrauch ist kein Phänomen, das exklusiv auf homoerotisch konnotierte Strukturen beschränkt ist. Es betrifft die ganze Gesellschaft. Diese ist es ihren Kindern schuldig, das Problem im Gesamtkontext zu lösen. (Peter Mayr, STANDARD Printausgabe 15.7.2004)

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