Hagia Sophia entschlüsselt

20. Juli 2004, 12:16
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Kunsthistoriker fanden Hinweise auf den Masterplan für die Kathedrale von Konstatinopel

Istanbul/Bern - Schweizer Wissenschafter haben die Baukonstruktion der Hagia Sophia entschlüsselt. Über 1400 Jahre war nicht bekannt, wie die 56 Meter hohe, scheinbar frei schwebende Kuppel der Kathedrale gebaut wurde. Die Hagia Sophia (griechisch: "heilige Weisheit") ist das bedeutendste Bauwerk der byzantinischen Kunst.

"Das Schlüsselerlebnis beim Betreten des Hauptraums ist die Tatsache, dass man die Dimensionen kaum einschätzen kann", beschreibt es der Marco Polo-Reiseführer den Touristen. "Das Phänomen hat wohl mit dem Zusammenspiel der räumlichen Struktur, der schwebenden Kuppel und der Vielfalt der Lichteffekte zu tun", vermuten die Autoren.

Der Stand des Wissens ist nun präziser: Der Masterplan beruht auf einem Analemma - eine Projektionstechnik, die schon von dem griechischen Mathematiker Ptolemäus beschrieben wurde. Beim Bau der Kathedrale wurden Kreise und Quadrate im zweidimensionalen Raum, Kugeln und Würfeln im dreidimensionalen Raum projiziert, ergab die Neuausmessung mit 3-D-Lasergeräten.


Doppelquadrat

Volker Hoffmann, Professor für Architekturgeschichte der Universität Bern, erklärt: "Anthemios und Isidoros haben ein gekreuztes Doppelquadrat für die Form des Bodens konstruiert" und es dann projiziert. Oder einfacher: "Der Masterplan wurde mit Schnüren und Nägeln auf den Boden gespannt. Der Bauingenieur musste somit nur noch das Doppelquadrat ausmessen und es auf alle anderen Punkte (Nägel) und Linien (Schnüre) übertragen, um die restlichen architektonischen Elemente zu kennen."

Kaiser Konstantin I. begann 325 mit dem Bau der orthodoxen Kathedrale, den Konstantin II. im Jahr 360 vollendete. Nach einem bei einem Aufstand gezündeten Brand 532 baute Kaiser Justinian eine neue, mächtigere Kirche, deren Form ihm im Traum offenbart worden sein soll. Zehntausende Arbeiter standen fünf Jahre unter Befehl des Mathematikers Isidoros von Milet und des Architekten Anthemios von Trelles. 537 wurde die Kirche eingeweiht.

Bisherigen Quellen zufolge gingen die Pläne unmittelbar nach dem Bau verloren. Erst 1470 Jahre später zeigt State-of-the-Art-Lasertechnologie: Gut möglich, dass es sie nie alle gab. (east / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 7. 2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Einblick in den Kuppelraum - mit den Augen von Leica Geosystems

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