Mit Steinen auf die Göttinnen der Bühne

20. Juli 2004, 12:28
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Hundertster Todestag des Dichters Anton Tschechow mit neu gesammelten Theaterschriften als Medizin gegen Pathos

Dem Dichter und Dramatiker Anton Tschechow, der am 15. Juli vor hundert Jahren 44-jährig an Tuberkulose starb, ist der illusionslose Blick auf die schönen Bühnenkünste zu verdanken. Ein neuer Band mit gesammelten Theaterschriften wirkt als Medizin gegen jegliches Pathos.


Wien - Als Bühnenkünstler fiel der Arzt und Kurzgeschichtenschreiber Anton Tschechow nicht als Vollendeter vom Himmel. Dem Theater wandte sich der Sohn eines Kleinkrämers am Assowschen Meer eher widerwillig zu: früh zwar und fasziniert, doch auch mit spöttischem, despektierlichem Blick auf die exaltierte Gefühlskultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht nur in Moskau.

Der spätere Autor der Möwe und des Kirschgartens sah sich als Lohnschreiber, der in den 1880er-Jahren gegen elendes Zeilenhonorar zuckerleichte Prosagebilde verfertigte, bereits mit den Ausläufern einer um sich greifenden Unterhaltungskultur konfrontiert.

Man muss gelesen haben, wie sich Tschechow über die in Moskau gastierende Sarah Bernhardt mokiert: "Ihre Tränen, ihre Konvulsionen vor dem Sterben, ihr gesamtes Spiel ist nichts anderes als eine fehlerfrei und intelligent einstudierte Lektion", schreibt der Feuilletonist, der sich insgeheim schon mit Fragen nach der Logik von Gefühlsillusionen und deren Verfertigung auf der Bühne beschäftigt.

In Odessa habe man die göttinnengleiche Bernhardt "ein wenig exzentrisch empfangen": "Man schrie Hurra und warf mit Steinen nach ihrer Kutsche . . . Unanständig, aber dafür originell", feixt Tschechow. Sein Fazit ist dementsprechend niederschmetternd: "Ihr gesamtes Spiel ist nicht durchdrungen von Talent, sondern einer gigantischen, mächtigen Arbeit." Später, beim Abfassen seiner Möwe, wird Tschechow mit der Figur der tränenselig verhuschten Schauspielerin Arkadina einen Bühnenstar vom Schlage der Bernhardt porträtieren.

Merkwürdiges Porträt

Die Arkadina, die einen mäßigen Verfasser trivialer Shortstorys als Bettschatz hütet (was für ein Selbstporträt!) und ihren eigenen Sohn ins Unglück stürzt, ist das bedauernswerte Opfer unhaltbarer Illusionen. Über das alles bezwingende Charisma der Kunst will Tschechow, der Meister der Kurzstrecke, der Sachwalter der Gemütsabkühlung, nichts wissen.

Sein früher Dramenheld Ivanov, titelgebende Figur des gleichnamigen Dramas, leidet zum Beispiel an akuter Antriebslosigkeit: Er wird vom Spleen geritten, sein gerade 35 Jahre währendes Leben als Gutsherr auf dem Lande seelisch nicht mehr ertragen zu können. Er ergeht sich in Selbstmitleid und grübelt unter weiblicher Anleitung nach über sein vergessenes, verlorenes Lebensideal.

Er mutmaßt, er könne sich "in einen Hamlet verwandelt" haben. Da sei Gott vor - und die Pistole, die er gegen sich selbst kehrt. Tschechow-Figuren besitzen ein reges Bewusstsein ihrer (latent komischen) Theaterqualitäten. Aber ehe sie zum "Hamlet" werden, zur Maske erstarren, machen sie lieber Schluss mit sich und der Welt.

Dabei ist dem tätigen Arzt Tschechow, der in der Nähe von Moskau die Armen behandelt und als Dorfkurator Schulbauten fördert, alles Bilderstürmerische wesensfremd. Stücke wie den Ivanov schreibt er in gerade zehn Tagen herunter (er wird ihn später umarbeiten). An den Schauspielern bemängelt er die "Halbbildung" und die "Disziplinlosigkeit", mit der sie "betrunken wie die Schuster" auf die Bühne gehen.

Erst ganz zu Ende seines Lebens findet er in Nemirowitsch-Dantschenkos Moskauer Künstlertheater, der Heimstätte auch seiner Schauspielergemahlin Olga Knipper, ein Institut, das seinen Vorstellungen von Schlichtheit und Wahrhaftigkeit halbwegs entgegenkommt: "Ich glaube nicht, dass Schriftsteller solche Fragen wie Pessimismus, Gott usw. klären sollten." Allenfalls ließe sich zeigen, so Tschechow weiter, wie Personen aussehen, die über solche Fragen nachdenken.

Über Seitenwege, über das Ethos des zurückgenommenen Tons, der Abmilderung jeglicher Prätention, sickert das nihilistische 20. Jahrhundert in diese hauchfeine Kunst der Lebensinstrumentation ein. Der nächstfolgende Arzt als Dichter der Desillusion wird 30 Jahre später der rasende Prosaiker Louis-Ferdinand Céline sein: In dessen Reise ans Ende der Nacht sinken die Figuren, denen Tschechow noch ungerührt den Puls fühlt, auf die Ebene des Kreatürlichen hinab. Werden zu "weißen Maden", die einander das Elend der Heuchelei bereiten. Mit ihnen ist endgültig kein Theater mehr zu machen.

In dem u. a. von der Übersetzerlegende Peter Urban herausgegebenen Sammelband Anton Cechov - Über Theater, verlegt im Verlag der Autoren zu Frankfurt/Main, lassen sich kleine Glitzersteine aus Tschechows Feuilletons und Briefen als funkelnde Einsichten zur Gefräßigkeit des Theaterbetriebs genießen. Eine bestürzend schöne Figur ersteht in der Skizze "Der Portier": Ein elender Souffleur sitzt in seinem Kasten "wie auf glühenden Kohlen" - und übertrumpft den unbegabten Hamlet auf der Bühne, indem er dessen Text aus der Versenkung herausbrüllt.

Der Schluss klingt nach Kafka: "Jetzt wird man ihn hinauswerfen. Sie werden zugeben, diese Maßnahme ist unumgänglich."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 7. 2004)

Von
Ronald Pohl

  • Anton Tschechow in den 1880er-Jahren: der undurchdringliche, nie ganz ernste Blick eines Theatermannes, der Prätention und Kunstgewerbe durchschaut.
    foto: diogenes

    Anton Tschechow in den 1880er-Jahren: der undurchdringliche, nie ganz ernste Blick eines Theatermannes, der Prätention und Kunstgewerbe durchschaut.

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