Der König als Bestattungsunternehmer

16. Juli 2004, 12:30
posten

Programmierter Höhepunkt des Jazzfestivals in Wiesen: die Österreichpremiere der Soul-Legende Solomon Burke

Ab heute läuft im burgenländischen Wiesen das jährliche Jazzfestival. Die am Samstag stattfindende Österreichpremiere der Soul-Legende Solomon Burke ("Don't Give Up On Me") dürfte dabei zu einem Höhepunkt werden.


Wiesen - Als im Vorfeld zu der 2002 erschienen Platte Don't Give Up On Me bekannt wurde, wer da aller für Solomon Burke unveröffentlichte Songs zur Verfügung stellen würde, erhöhte sich das Interesse ebenso sehr wie die Skepsis: Wie sollte man Stücken von Brian Wilson, von Bob Dylan, Nick Lowe, dem begnadeten Kunstleider Tom Waits, dem Meister des Blue-Eyed Soul, Dan Penn, und anderen Größen unter einen Hut bringen, ohne dass dabei ein ausgefranstes, zerrissenes Werk entstehen würde?

Und überhaupt: Wozu mag Solomon Burke eigentlich noch fähig sein? Okay, der Mann hat nie wirklich aufgehört, Alben zu veröffentlichen. Doch der Großteil seines Outputs in den Jahren vor Don't Give Up On Me fiel ins Fach des gepflegten Altherren-Soul, meist von ein paar Synthesizern und daraus generierten, sehr wenig beseelt klingenden "Streichern" und "Bläsern" entstellt.

Der Rest waren Auftritte im Vatikan für den Papst und ein vermutlich erfülltes Familienleben in Los Angeles. Immerhin hat Burke 21 Kinder, 63 Enkel und acht Urenkel. Dass er in den 60ern als "King of Rock and Soul" gegolten hat, ein Titel, der Rumpelstilzchen James Brown zur Weißglut gebracht hatte, erschien zu lange her, um noch Relevanz zu versprechen

Der Soul-Survivor

Doch die Skeptiker hatten ihre Rechnung ohne Produzent Joe Henry gemacht - und ohne König Solomon. Wie eine Bombe - immerhin bringt Burke rund 180 Kilo auf die arme Waage - schlug das Album ein. Henry schuf für einen der großen Überlebenden des Rhythm and Blues und Soul mit einer reduzierten und intimen Produktion eine Basis, auf welcher der 1936 in Philadelphia Geborene ein monolithisches Meisterwerk schuf.

Ein Album, das in seiner emotionellen Tiefe ebenso atemberaubend ist wie in seiner atmosphärischen Dichte. Merkmale, die in dem fröhlichen Soul Searching (Brian Wilson) ebenso zu finden sind wie in dem wahnwitzigen Gospelstück None Of Us Are Free, das im Vorbeigehen mit den Blind Boys Of Alabama eingespielt wurde. Auch so eine umwerfende Rentnerpartie, die den Soul und den Funk im kleinen Finger hat. Der weltweite Erfolg des Albums - samt Grammy-Segnung - bescherte Burke die Anerkennung einer neuen Generation.

Seine Karriere begann - nachdem er bereits als Kind eine eigene Radioshow gestaltet hatte - in den 50ern in New York. Dort entdeckte ihn die Produzentenlegende Jerry Wexler bald für das Atlantic-Label, für das er einige heute als Klassiker geltende Alben veröffentlichte. Im Gegensatz zur herrschenden Rassendiskriminierung im Amerika jener Zeit zog Burke musikalisch nie Grenzen. Er erreichte mit Stücken wie If You Need Me oder Get Out My Life Woman ein weißes Publikum ebenso wie die Bewohner der Gettos. Ein Umstand, der der Legende nach einmal so weit führte, dass Burke für eine Veranstaltung des Ku-Klux-Klans gebucht wurde, weil die verkleideten Rassisten Burke aufgrund seiner Musik für einen Weißen hielten.

Burke tourte damals mit den Superstars des Soul wie Otis Redding oder Sam and Dave und errichtete sich als gelernter Bestatter früh auch ein bürgerliches Standbein, das die Großfamilie bis heute ernährt. Mit dem Übergang von Soul in Funk und Disco schwand Burkes Popularität, obgleich er auch in jener Zeit mit Alben wie Back To My Roots oder dem Bedroom-Soul von Music To Make Love By brillierte.

Er verlegte sich zusehends auf Gospel, nahm 1985 mit Soul Alive ein spektakuläres Livealbum auf und veröffentlichte bis zum Erscheinen von Don't Give Up On Me eingangs erwähnte Mittelmäßigkeiten. Seit diesem Album ist der alte Spezi von Van Morrison wieder ein gefragter Live-act und wird am Samstag in Wiesen, seiner Österreichpremiere, Soul predigen. Ein Kirchgang - im Sitzen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 7. 2004)

Von
Karl Fluch

Link

wiesen.at
  • Soloman Burke
    foto: fat possum rec.

    Soloman Burke

Share if you care.