Der Belcantosteinbruch

15. Juli 2004, 18:18
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Premiere von Giuseppe Verdis "Aida" in St. Margarethen

St. Margarethen - Auf den letzten Anfahrtskilometern zur musiktheatralischen Felsklause beglückendste Natürlichkeit: Weizenfelder hier, Sonnenblumenfelder dort, sanftestes Heben und Senken der Landschaft allüberall. Und dann auch noch - die Sonne. Weich und milde. Flugs eingeparkt, in den Steinbruch abgestiegen, die weite Gastrozone durchtankt. Eine Bratwurst vielleicht? Eine Bratwurst. Man ahnt ja doch: Das dauert.

Gong. Es spricht: der Intendant. Er, der die Besucherzahlen in den letzten acht Jahren verdreizehnfacht hat (2004 werden 141.000 Besucher erwartet), erzählt im brombeerfarbenem Thomas-Gottschalk-Anzug von den Qualitäten Verdis als Landwirt und Maurer. Präsident, Fürstin und Landesfürst werden begrüßt. Dann geht Wolfgang Werner ab und Aida los.

Was sieht man so? Allerhand, hat doch Bühnenbaumeister Manfred Waba die gut 7000 Quadratmeter große Naturbühne mit einer Riesenpyramide, einem Riesentempel, diversen Riesentoren und circa 2000 Sphinxen, Obelisken und mythischem Getier aller Art und Größe vollgekrempelt. Dann und wann sprengen Schimmel von links nach rechts, eiern Elefanten dröge in die Gegenrichtung. Statisten stehen, Tänzerinnen tanzen, Gold glänzt von Pferd und Mensch (Regie: Robert Herzl).

Im tempelartigen Kabüffchen am rechten Naturbühnenrand machen Musiker des Nationaltheaters Brünn unter der Leitung Prof. Ernst Märzendorfers Musik: einigermaßen akkurat im Gesamten, herzschmerzend im Lyrischen. Erst als die protagonistische Trias aber ihre Stimmbänder zum Schwingen bringt, kommt Freude auf wie auch die Erkenntnis: St. Margarethen ist mit dieser Besetzung eine Reise wert.

Emil Ivanov gibt einen höhen- und testosteronstarken Radames, Cornelia Helfricht legt eine wunderschön böse, glutstimmige Amneris hin und Eszter Sümegi wird zur heiligengleichen Titelheldin und singt auch noch so groß, so fein, dass man gedanklich Bettelbriefe an Ioan Holender aufzusetzen beginnt, flehend, dass er die in Budapest Hauptbeschäftigte doch auch in Wien singen lassen möge. Im Ende dann Tod und ein gewaltiger Lichterkranz. Per aspera ad astra. O Isis. Und aus is'. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 7. 2004)

Von
Stefan Ender

Bis 22.8.

Karten: (01) 960 96.

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