1000 Euro für ein geheimes Grab

15. Juli 2004, 19:06
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Morde an Zivilisten in Tschetschenien - Rebellen drohen Moskau

Wien/Grosny - Der Präsident kommuniziert jede Woche: Per Brief, Tonkassette oder Video meldet sich Aslan Maschadow regelmäßig aus dem Untergrund und berät sich mit seinen Gefolgsleuten. Seinen letzten Kontakt mit dem früheren tschetschenischen Präsidenten hatte Hussein Iskhanow kurz vor seiner Flucht aus der Kaukasusrepublik im vergangenen März. Damals ging es um die Wahl eines neuen "Parlamentssprechers", denn Iskhanow war einer der zwei Dutzend noch in Tschetschenien lebenden Mitglieder des frei gewählten Parlaments von 1996. Jetzt lebt der Berater Maschadows in Österreich. Zu groß sei am Ende für ihn und seine Familie der Druck der Verfolgung und das Risiko einer Ermordung geworden.

194 Zivilisten sind in diesem Jahr nach einer Zählung der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien entführt worden, 97 kamen wieder frei - in der Regel gegen Geld -, 15 wurden tot aufgefunden, 82 sind verschwunden. Die russischen Truppen in der Republik und die Miliz von Ramzan Kadyrow, dem Sohn des mittlerweile ermordeten, Moskau-treuen Präsidenten, werden dafür verantwortlich gemacht.

Hussein Iskhanow hat seine eigenen Erfahrungen damit. Der 46-Jährige war selbst schon einmal in den Händen der Russen, konnte aber noch rechtzeitig von seinen Verwandten freigekauft werden. Vergangenen November traf es dann sieben Mitglieder seiner Familie. Als er und seine Verwandten den russischen Offizier ausfindig machten, der von der Entführung wusste, war es schon zu spät: Die sieben waren ermordet worden. Um den Ort der Gräber zu erfahren, mussten sie dem Offizier 1000 Euro zahlen - für jede der sieben Leichen, sagt Iskhanow.

Die politische Lage in Tschetschenien nach dem tödlichen Anschlag auf Kadyrow im Mai beschreibt Iskhanow als Übergangsphase. Kadyrows Sohn habe keine Zukunft, sagt Iskhanow, "in zwei, drei Monaten ist er vielleicht auch schon tot." Ramzan Kadyrows Miliz löse sich zudem auf. Viele, die in die Miliz gepresst wurden, seien nach dem Tod des Präsidenten in die Berge geflüchtet. Maschadow selbst meldete sich vergangene Woche via Internet zu Wort: Die Tage des nächsten Präsidenten - er wird am 29. August gewählt - seien "bereits gezählt". Der Interimspräsident entging erst am Dienstag einem Anschlag. (Markus Bernath/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.7.2004)

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