Krieg in den Medien: Man muss auch Mut zeigen - Kolumne von Paul Lendvai

30. Juli 2004, 14:41
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Im Dienste der Wahrheit genügt es nicht, Geist zu zeigen ...

Im Dienste der Wahrheit genügt es nicht, Geist zu zeigen; man muss auch Mut zeigen. - Das sagte einmal sinngemäß Ludwig Börne, der in den Augen der Machthaber ebenso unbequem war wie sein berühmter Zeitgenosse, der große Dichter Heinrich Heine.

Ein solcher Journalist war der 41-jährige Paul Chlebnikow, ein Amerikaner russischer Herkunft, Chefredakteur der russischen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes. Er ist am Wochenende in Moskau erschossen worden. Chlebnikow ist der erste ausländische Journalist, der in Russland einem Killerkommando zum Opfer fiel. Im Frühjahr hatte die erste russische Forbes-Ausgabe weltweit für Aufsehen gesorgt, als sie eine Liste der reichsten Russen, unter ihnen 36 Milliardäre und 54 Multimillionäre veröffentlichte. In der letzten Ausgabe warnte eine Titelgeschichte, übermächtige Kartelle und Monopolisten "erwürgen die Wirtschaft".

Eine Liste der reichsten Russen zu veröffentlichen komme in jedem Fall einem Gang über einem Minenfeld gleich, sagte der Generalsekretär des russischen Journalistenverbandes. Medienbeobachter bezeichnen Russland nach Kolumbien als das für Journalisten am gefährlichste Land.

Der geistreiche französische Russlandreisende Marquis de Custine schrieb 1839: "In einer freien Gesellschaft kann alles gedruckt werden - und ist vergessen, weil man es mit einem Blick erfasst. Im Absolutismus ist alles geheim, kann aber erraten werden, das macht es interessant."

Das gilt auch für jene Gesellschaften, die sich nach der Wende, dem annus mirabilis 1989-1990, auf dem Weg von der totalitären Diktatur zur Demokratie, von der Tonnenideologie zur Marktwirtschaft befinden. Deshalb rückt überall das Ringen um die Kontrolle über die Print- und elektronischen Medien in den Mittelpunkt der Politik. Wer erinnert sich noch an den bis heute unaufgeklärten Auftragsmord an dem umstrittenen ungarischen Medienmogul Janos Fenyö? Gab der umkämpfte ukrainische Präsident Kutschma indirekt den Auftrag zur Ermordung eines unbequemen Enthüllungsjournalisten, wie ein abgesprungener Geheimdienstmann behauptete? Wer sind die Drahtzieher hinter einer Serie von undurchsichtigen Medientransaktionen in Polen und Kroatien, in Ungarn und der Slowakei?

Zeit der schillernden Raubritter vorbei

Es wäre unklug und ungerecht, Versuche, die Medien zu gängeln, nur in Russland oder in anderen postkommunistischen Staaten zu vermuten. Da die Zeit der schillernden Raubritter im Westen längst vorbei ist, sind auch die Methoden, die die Machthaber von Washington bis Paris gegen den Enthüllungsjournalismus einsetzen, differenziert und bewegen sich nur selten am Rande der Legalität. Viel hängt auch von der Haltung der Verleger oder der TV-Chefs ab.

Bob Woodward und Carl Bernstein deckten 1972 die Watergate-Affäre auf, die letzten Endes zum Rücktritt Präsident Nixons führte. Ohne die Entschlossenheit der (inzwischen verstorbenen) Herausgeberin der Washington Post, Katherine Graham, hätten aber die Journalisten diese politische Bombe nicht zur Explosion bringen können.

Umgekehrt hatten sich zum Beispiel die Pekinger Machthaber über die Haltung des Medienmilliardärs Rupert Murdoch nur freuen können, als dieser im Interesse seiner Geschäftstransaktionen vor Jahren die Satellitenübertragung von BBC Nachrichten durch seine Hongkonger Sender untersagt hat. Es gibt auch Fälle, bei denen Medienzaren eine Zeitung oder einen Sender aufgekauft haben, um einen unbequemen Kommentator zum Schweigen zu bringen. Die Macht des Verschweigens bleibt ein zentraler Faktor im Verhältnis zwischen politisch-finanzieller Macht und unabhängigem Journalismus. (DER STANDARD; Printausgabe, 15.7.2004)

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