Kinderporno: Priesteranwärter entlarvt

20. Juli 2004, 12:51
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Seminarist hätte im Juni zum Priester geweiht werden sollen - Krenn wehrt sich: "Geht Bischofskonferenz einen Dreck an"

St. Pölten/Wien - Der kircheninterne Druck auf den St. Pöltner Bischof Kurt Krenn hat sich weiter erhöht. Nach den Forderungen mehrerer Bischöfe, Konsequenzen aus dem Sex- und Missbrauchskandal im St. Pöltner Priesterseminar zu ziehen, verlangte Helmut Schüller, Ombudsmann der Erzdiözese Wien für sexuelle Missbrauchsopfer, am Mittwoch den Abgang Krenns.

Untersuchung gefordert

Es ist die erste offene Rücktrittsforderung eines Kirchenmannes. "Erst dann ist eine umfangreiche Untersuchung möglich", erklärte Schüller im Ö1-Mittagsjournal. Die abwartende Haltung Roms kritisiert Schüller als "vollkommen unangemessen", damit falle der Vatikan der Ortskirche in den Rücken. Problematisch sind für ihn aber auch die Homosexualitätsvorwürfe. Schließlich handle es sich um Beziehungen zwischen den Seminarvorstehern und den von ihnen abhängigen Studenten.

Nichts hält er von einer internen Untersuchung der Vorwürfe durch die Diözese St. Pölten: Der Bischof könne unmöglich Auftraggeber sein, "wenn er selbst erste Adresse der Untersuchung sein muss".

Freunde in Rom

Der Bischof denkt aber nicht daran: Das Priesterseminar sei eine diözesane Angelegenheit. "Die geben wir auch nicht aus der Hand." Daher will er die Vorwürfe mit einer Gruppe von diözesaninternen Leuten untersuchen lassen. Zu etwaigen Interventionen aus Rom sagte er: "Ach, kann schon sein. Aber das macht doch nichts. Freunde aus Rom sind doch Freunde." Deutliche Worte fand Krenn auch für die anderen Bischöfe. Wenn diese von einem Skandal sprächen, den er zu verantworten habe, sei das eine Überschreitung deren Kompetenz, sagte er in News: "Das geht die Bischofskonferenz einen Dreck an."

33 Jahre alter Seminarist wird verdächtigt

Die polizeilichen Ermittlungen im St. Pöltner Priesterseminar konzentrieren sich seit Dienstag auf einen einzigen Mann. Laut niederösterreichischer Polizei wird ein 33 Jahre alter Seminarist aus Polen verdächtigt, Fotos von Kinderpornoseiten aus dem Internet heruntergeladen und gemeinsam mit anderen Priesterschülern angeschaut zu haben.

Priesterweihe

Der Seminarist hätte am 29. Juni von Bischof Kurt Krenn zum Priester geweiht werden sollen. Wenige Tage davor wurde er von der Zeremonie jedoch ausgeschlossen. In seinem Zimmer soll auch jene Digitalkamera gefunden worden sein, aus der die Weihnachtsfeieraufnahmen schwulen Inhalts stammen, die den Skandal zu Wochenbeginn erst richtig angefacht haben.

Nicht geständig

Der Verdächtige sei bisher nicht geständig, die Beweise gegen ihn seien jedoch "erdrückend": Mit diesen Worten wird der niederösterreichische Sicherheitsdirektor Franz Prucher in News zitiert. Der leitende St. Pöltner Staatsanwalt, Walter Nemec, reagiert mit Unmut: Die Pressekontakte seien vereinbarterweise seine Sache, Prucher habe ihm den Akt mit den neuesten Erkenntnissen "erst für Freitag versprochen".

Die Aussagen des Sicherheitsdirektors trügen, so Nemec, Züge einer "Vorverurteilung". Die einschlägige Strafrechtsbestimmungen gegen Kinderpornografie, der Paragraf 207a StGB, stelle lediglich den Besitz, nicht das Betrachten von Kinderpornos unter Strafe, bei einem Strafrahmen von bis zu sechs Monaten Haft. (Irene Brickner, Peter Mayr, DER STANDARD Printausgabe 15.7.2004)

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