Suche nach Nazi-Kriegsverbrechern in Ungarn

23. Juli 2004, 11:21
2 Postings

Simon Wiesenthal-Zentrum will "Heißen Draht" wie zuvor in anderen Ländern einrichten

Budapest - Das Simon Wiesenthal-Zentrum mit Sitz in Jerusalem will noch eventuelle in Ungarn lebende Nazi-Kriegsverbrecher aufspüren. Das erklärt der Direktor des Zentrums Efraim Zuroff am Dienstag dem ungarischen Duna-TV. Im Rahmen der Aktion "Utolso esely" ("Letzte Chance") will das Zentrum Informationen und Beweise sammeln. Die ungarische Kampagne zur Aufdeckung von Nazi-Verbechern soll innerhalb von zwei Monaten gestartet werden. Ein "Heißer Draht" soll eingerichtet sowie Aufrufe in den Medien veröffentlicht werden. Mit einer Prämie von 10.000 Euro werden jene konkreten Hinweise bedacht, die zur Ergreifung von Kriegsverbrechern führen.

Eine solche Kampagne war vor zwei Jahren bereits in den baltischen Staaten gestartet worden und von Erfolg gekrönt. Im Vorjahr wurden dann Rumänien, Österreich und Polen in die Suchaktion einbezogen, die heuer um Ungarn, Ukraine, Kroatien, Deutschland und eventuell in Argentinien komplettiert wird. Die Einbeziehung Ungarns wurde durch Zuroff damit begründet, dass Ungarn eines jener Länder sei, in dem auch Einheimische an der Ermordung von Juden teilgenommen hätten.

Gemischte Reaktionen

Laszlo Karsai, ein bekannter Forscher des ungarischen Holocaust, bezeichnete die Nazi-Ausforschungs-Aktion des Wiesenthal-Zentrums als "totales Fiasko", berichtete die Ungarische Nachrichtenagentur MTI am Montag. Es werde "viel Geld ausgegeben - auf völlig überflüssige und kontraproduktive Weise", so Karsai. Zugleich würde "der Antisemitismus erstarken", und es werde "kein einziger Kriegsverbrecher gefasst".

Der Verband der Ungarischen Jüdischen Glaubensgemeinden (Mazsihisz) wolle natürlich Kooperationspartner bei der Suche nach noch lebenden Kriegsverbrechern sein, falls das Wiesenthal-Zentrum um Hilfe ersuche, erklärte unterdessen Gusztav Zoltai, geschäftsführender Direktor von Mazsihisz. Der Verband könne jedoch nur "prinzipielle und ideelle Hilfe" leisten und keine "Informationen geben". Denn wären solche Informationen über Kriegsverbrecher vorhanden, hätte auch der Verband längst die nötigen Schritte unternommen.

Geschichtlicher Hintergrund

In Ungarn seien Ende 1944 und Anfang 1945 mehrere Hunderttausende vor den sowjetischen Befreiungsarmee geflohen, unter ihnen viele Kriegsverbrecher, so Karsai. Die meisten der Hauptkriegsverbrecher seien dann aus der westlichen Besatzungszone nach Ungarn ausgeliefert und dort zur Verantwortung gezogen worden. Und wer dem entgehen konnte, der sei in jene Länder geflohen, in denen das Wiesenthal-Zentrum keine solchen Aktionen gestartet hätte, wie in die USA, nach Australien und Kanada. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Neonazi-Schmierereien auf einem Holocaust-Mahnmal in Debrecen

Share if you care.