Schlingensief mit Zweckpessimismus

14. Juli 2004, 12:53
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Ausblick auf die "Parsifal"-Premiere, Eingriffe und mögliche Folgen: "Man ist nach Bayreuth nicht tot"

Hamburg - Regisseur Christoph Schlingensief rechnet für die Premiere seiner "Parsifal"-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen mit Ärger. "Man muss sich überlegen, wohin man hinterher verschwindet, weil einige Leute meine Inszenierung sehr übel nehmen werden", sagte der 43-Jährige laut einer Vorabmeldung des "Stern". Anfang Juli hatte er sich nach Meinungsverschiedenheiten mit der Festspielleitung krank gemeldet und die Proben unterbrochen. Die Festspiele werden am 25. Juli mit der "Parsifal"-Inszenierung eröffnet.

Auf Missfallenskundgebungen sei er eingestellt: "Wenn die Feinde 'Buh' schreien in der Premiere, ist es in Ordnung - vorausgesetzt, ich weiß, dass ich neue Bilder entwickelt habe, die ich mitnehmen kann in was Neues." Selbst bei einem möglichen Reinfall erwartet Schlingensief keine negativen Auswirkungen auf seine Karriere. "Man ist nach Bayreuth nicht tot - in Bayreuth geht es gnadenlos weiter, und bei mir auch".

"Wolfgang Wagner hat Angst"

Er selbst will während der "Parsifal"-Aufführung kostümiert in der Kulisse warten und für den Fall, dass an seinem Konzept etwas verändert würde, auf der Bühne eingreifen, berichtet die Infoillustrierte "News". Hintergrund sind die Zerwürfnisse mit Festspielleiter Wolfgang Wagner, die wegen des Einsatzes von Filmzuspielungen entbrannt sein sollen und beinahe zu Schlingensiefs Abreise geführt hätten.

"Wolfgang Wagner hat Angst, dass ich Filme während der Premiere einspiele, die er noch nicht gesehen hat, und ich habe Angst, dass er verhindern will, dass Filme laufen. So sind wir auf einer freundschaftlich-spannenden Ebene. Beide Seiten wissen um die gemeinsame Gefahr. Beide Seiten wissen, dass beide Seiten fair sein sollten. Ich zeige keine Filme, die er vorher nicht gesehen hat, und dafür schaltet er mir nichts weg. Trotzdem wird er da stehen und ich werde da stehen und schauen, ob meine Sachen laufen", heißt es im "News"-Interview.

"Alles begann mit einer Austernvergiftung"

Selbst mitwirken will Schlingensief laut "News" entgegen seiner ursprünglichen Absicht will- Er hat aber für stumme Rollen seine Truppe geistig Behinderter und andere erprobte Statisten mitgebracht. Zum Einsatz kommen sollen auch Bilder und Versatzstücke aus den "Church of Fear"-Projekten in Wien, Berlin und Zürich.

Gerüchte über einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kommentierte Schlingensief folgendermaßen: "Alles begann mit einer Austernvergiftung in Namibia, wo ich auch für den 'Parsifal' recherchiert habe. Einen Nervenzusammenbruch hatte ich nicht, auch wenn die Boulevardpresse so etwas gerne gehabt hätte. Ich war parsifalbogengespannt und superwütend. Aber niedergeschlagen hat sich das in meiner Gallenentzündung. Die wurde in der Nacht so schmerzhaft, dass ich ins Klinikum Bayreuth musste. Dort hat mir dann ein sehr netter Arzt sehr schnell geholfen, so dass ich nach drei Tagen weiterproben konnte." (APA/AP)

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    Christoph Schlingensief, hier 2003 in Venedig in Sachen "Church of Fear"

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