Die seltsamen Weihnachtsbräuche in St. Pölten

21. Juli 2004, 23:10
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Sex-Affäre im St. Pöltner Priesterseminar wurde auch zum Thema in den deutschen und Schweizer Zeitungen

"Sexskandal" ... "Küssende Priester" ... "Bestialische Pädophilenfotos erschüttern Kirche" - von dieser Art sind die Schlagzeilen, unter denen internationale Medien - von CNN bis KHLN Honolulu, vom britischen Telegraph bis zur Hindustan Times - dieser Tage über die seltsamen Weihnachtsbräuche in der Krenn-Diözese St. Pölten berichten. Wir bleiben in der Nähe und bringen einen Querschnitt durch erste Reaktionen der deutschsprachigen Presse.

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Die "Frankfurter Rundschau" zum "Pastoralen Supergau" in St. Pölten: "Nach der Entdeckung eines Computers mit Kinderpornografie im Priesterseminar und der Veröffentlichung von Fotos, welche die beiden bisherigen Leiter der Theologenschule bei offensichtlich homosexuellen Handlungen mit Nachwuchspriestern zeigen, findet sich Krenn nur mühselig zur Aufarbeitung des Skandals bereit. Nachdem der Bischof die Affäre zuerst als 'Bubenstreich' herunter spielte, kündigte er nun doch eine Untersuchung von Diözesangnaden an. Krenn kommt nach Ansicht vieler katholischer Kirchenvertreter ohnehin ein gerüttelt Maß der Schuld für die Zustände am Seminar zu. (...) Die österreichische Bischofskonferenz hat unterstrichen, dass die Vorgänge im Seminar intolerabel sind und rückhaltlos aufzuklären seien. Die österreichischen Medien weisen daraufhin, dass der Vatikan wegen der sexuellen Verfehlungen von Priestern ohnehin unter Druck steht. Krenn solle nach der Entsendung einer päpstlichen Untersuchungskommission spätestens im Herbst von der Diözesanspitze in der niederösterreichischen Landeshauptstadt abgelöst werden - zumal er offenbar alkoholkrank sei."

In der konservativen Tageszeitung "Frankfurter Allgemeine" werden die Einschätzungen des Bischofs berichtet - und übersetzt: "Krenn bestätigte gegenüber dem Österreichischen Rundfunk, ein Foto gesehen zu haben, auf dem der Regens des Priesterseminars, der inzwischen zurückgetreten ist, einem bekleideten Mann "ans Gemächt" (zwischen die Beine) greift. Noch vor drei Wochen hatten Küchl und der mittlerweile ebenfalls aus seinem Amt geschiedene Subregens Wolfgang Rothe derlei entschieden bestritten. Krenn sagte zu einer anderen Aufnahme, die Rothe "in einem innigen Kuss mit einem Mann zeigt": Was er gesehen habe, seien "in keiner Wesie Dinge, die mit Homosexualität zu tun haben."

"Der Tagesspiegel" berichtet unter dem Titel "Verirrte Hirten" über die Veröffentlichung von drei Fotos aus dem St. Pöltner Priesterseminsar "- womit die römisch-katholische Kirche in Österreich wieder einmal einen veritablen Sexskandal hat - mit womöglich ähnlichen Auswirkungen wie die Affäre um den Wiener Erzbischof Kardinal Hermann Groer. Der musste Mitte der 90er Jahre zurücktreten, nachdem bekannt geworden war, dass er sich an Minderjährigen vergangen hat. Damals trat Paul Zulehner in der Öffentlichkeit als Hauptankläger auf, jetzt fordert er den Rücktritt des Bischofs Kurt Krenn, des Leiters der Kirchengemeinde St. Pölten."

Die linke "Tageszeitung" beschäftigte sich mit den Auswahlkriterien im Priesterseminar: "Bischof Kurt Krenn, der innerhalb der Bischofskonferenz immer schon kuriose und besonders dogmatische Positionen vertreten hat, steht unter Zugzwang. Er ist nicht nur formal für das Priesterseminar verantwortlich, er hat dessen Politik mitbestimmt. 2001 entließ er den langjährigen Regens Franz Schrittwieser und holte Ulrich Küchl und Wolfgang Rothe als neue Leiter aus Deutschland. Diese setzten für ihr Institut die sonst in Österreich geltenden Aufnahmekriterien außer Kraft. Schrittwieser kritisierte: ,Es wurden größtenteils Kandidaten aufgenommen, die in anderen Diözesen für die Priesterweihe nicht zugelassen wurden', darunter junge Männer aus Deutschland und Polen, denen offensichtlich die ,menschliche Reife fehlte', und solche mit psychischen Problemen. Priesterseminare, so die Ansicht von Psychologen, zögen außerdem oft Menschen mit unterentwickelter sexueller Identität an."

"Eine ganz dumme Sache"

"Eine ganz dumme Sache" titelt die taz: "Im Priesterseminar zu St. Pölten wird der christliche Grundsatz 'Liebe deinen Nächsten' hoch gehalten. Allerdings in einer Form, die die katholischen Kirchenoberen wenig erbaut. Letzte Woche wurden mehreren österreichischen Medien Fotos zugemailt, die die beiden Leiter des Seminars in eindeutig homoerotischen Posen mit Zöglingen zeigen. Diözesanbischof Kurt Krenn, dem das Seminar untersteht, wiegelte ab. Er sprach wörtlich von 'Bubendummheiten', die zwar zu tadeln seien aber keineswegs auf Männersex schließen ließen."

Die "Berliner Zeitung" über den Umgang mit den Vorwürfen: "Man suche ,reife Persönlichkeiten, die mit dem Zölibat umgehen können', sagt der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Kandidaten mithin, die fähig seien, ihre erotischen Energien in ihrer Arbeit zu sublimieren. In St. Pölten kam es anders. Und noch schlimmer. Auf verkniffen-katholische Art hat sich Bischof Krenn zu den sexuellen Beziehungen zwischen erwachsenen Männern geäußert. Aber dazu, dass Polizeifahnder auf Computern im Priesterseminar auch Tausende von kinderpornografischen Fotos gefunden haben sollen, hat der Bischof nicht viel gesagt. Das waren für ihn wahrscheinlich auch nur Bubendummheiten. Daran muss man nur fest glauben."

Die NZZ berichtet: "Der Sexskandal um das Priesterseminar von St. Pölten (Niederösterreich) weitet sich aus. Dabei gerät der zuständige Bischof Kurt Krenn zunehmend unter Druck. Der stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Egon Kapellari, sagte am Dienstag im österreichischen Radio, es sei Sache des Vatikans, über die Zukunft des umstrittenen 68-jährigen Krenn zu entscheiden. Gleichzeitig sprach er im Zusammenhang mit dem Priesterseminar von einem Sumpf, der ausgetrocknet werden müsse."

Theater von Perversionen

Die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera", das Sprachrohr der italienischen Bischofskonferenz "L'Avvenire" sowie andere italienische Medien berichteten ausführlich über den Skandal.

Wörtlich schreibt "Corriere della Sera": "Pädophilie-Skandal im Seminar, Schock in Österreich. Das Seminar in der Diözese Sankt Pölten, 80 Kilometer westlich von Wien, war in diesen Jahren eine Höhle pädophiler Ungeheuer, das Theater von Perversionen, ein habsburgisches Sodom, in dem Seminaristen und ihre Vorgesetzten gern an homosexuellen Orgien, erotische Spiele und Nächten aus Alkohol und Sex teilnahmen, statt zu beten. Jemand spricht auch von Nazi-Parodien und Zeremonien, die vom Vatikan offiziell verworfen werden, wie eine falsche Homo-Trauung zwischen Seminaristen. Sechs Jahren nach dem Skandal um Kardinal Hans Hermann Groer ist immer noch vieles in der österreichischen Kirche faul."

Die Tageszeitung "L'Avvenire" schreibt von einem "Sex-Skandal in Österreich". Ausführlich aber neutral berichtet die Zeitung über den Appell der österreichischen Bischofskonferenz, die zu einer Reaktion kirchlicher Seite aufgerufen hat. Auch die Hintergründe der Ermittlung, die zur Aufdeckung des Skandals geführt haben, wurden von der Mailänder Tageszeitung beschrieben.

"Skandal in Österreich, Sex im Seminar" lautet die Schlagzeile des römischen Wochenmagazins "L'Espresso". "Im Computer des Seminars wurden erotische Bilder mit Priestern und Seminaristen sowie Kinderporno-Bilder entdeckt. Der Skandal erschüttert den strengen katholischen Seminar in Sankt Pölten (...) Auch Bischof Kurt Krenn droht, die Stelle zu verlieren, nachdem er versucht hat, den Skandal herunterzuspielen." (APA; DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2004)

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