Afghanistan seit dem Ende der Monarchie

1. Juni 2006, 18:35
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Blutige Fehden und Umstürze, zehn Jahre sowjetischer Okkupation, politische Intrigen und mörderische Kämpfe zerstörten Afghanistan in den vergangenen drei Jahrzehnten

Die wesentlichen Entwicklungen zwischen Ende der Monarchie und dem Sturz des Taliban-Regimes:

 

1973: Mohammed Zahir Schah, König seit 1933, wird während eines Auslandsaufenthalts auf Betreiben seines Vetters und Schwagers, Mohammed Daoud, abgesetzt. Ausrufung der Republik.

1978: In der "April-Revolution" (Saur-Revolution) stürzen linksgerichtete Offiziere das Daoud-Regime. Sie holen den marxistischen Schriftsteller Nur Mohammed Taraki aus dem Gefängnis und rufen ihn zum Präsidenten aus. Der Revolutionsrat proklamiert die "Demokratische Republik Afghanistan".

1979: Taraki wird von seinem Stellvertreter Hafizullah Amin ermordet. Im Dezember marschieren sowjetische Truppen ein und bringen Babrak Karmal, den Chef des KP-Minderheitsflügels "Parcham", an die Macht. Amin wird hingerichtet.

1980-89: Islamische Widerstandskämpfer (Mujaheddin) erklären den sowjetischen Besatzungstruppen den Krieg. Es sterben rund 1,5 Millionen Menschen, über fünf Millionen werden aus ihren Wohnorten vertrieben; Flüchtlingsstrom in das Nachbarland Pakistan.

1986: Karmal wird 1986 durch den Chef der Geheimpolizei, Mohammed Najibullah, abgelöst.

1988: Auf Initiative von Michail Gorbatschow beginnt der Abzug der sowjetischen Truppen, der ein Jahr später abgeschlossen wird. Die Sowjetunion verlor in dem Konflikt insgesamt 15.000 Mann.

1992: Najibullah tritt nach einem UNO-Friedensplan zurück, zwischen den verschiedenen Mujaheddin-Fraktionen herrscht jedoch Uneinigkeit. Der Tadschike Burhanuddin Rabbani, Chef der "Jamiat-i-Islami", wird Präsident. Der Führer der radikaleren "Hezb-i-Islami", Gulbuddin Hekmatyar, der für den Posten des Premiers vorgesehen ist, wird von Rabbanis Militärchef, dem Tadschikenführer und Widerstandshelden Ahmed Shah Massud, am Einzug nach Kabul gehindert.

1994: Der einflussreiche ex-kommunistische General Abdul Rashid Dostum, ein Usbeke, der sich nach Najibullahs Niederlage auf die Seite von Rabbani geschlagen hatte, ergreift für Hekmatyar Partei. Die Taliban, an pakistanischen Koranschulen ausgebildete Kämpfer, treten erstmals in Erscheinung.

1996: Hekmatyar schließt mit Rabbani Frieden und wird im Juni als Regierungschef vereidigt. Die vom pakistanischen Geheimdienst gesteuerten Taliban marschieren im September in Kabul ein und rufen einen islamischen Gottesstaat ("Islamisches Emirat") aus. Najibullah, der sich seit 1992 in der UNO-Vertretung aufgehalten hatte, wird kastriert und bestialisch umgebracht, sein Leichnam öffentlich zur Schau gestellt. Die von der UNO weiter anerkannte Rabbani-Regierung flieht nach Norden. Im Oktober schließt sie mit Dostum und der pro-iranischen Schiitenmiliz "Hezb-i-Wahdat" eine Anti-Taliban-Allianz ("Nordallianz"), der es gelingt, den Taliban-Vormarsch nach Norden zu stoppen.

1997: Ein Konsortium unter Führung der kalifornischen Erdölgesellschaft "Unocal" schließt mit den Taliban ein Abkommen für einen Pipeline-Bau von Turkmenien über Afghanistan nach Pakistan zum Indischen Ozean. Das Projekt scheitert 1998 nach der Affäre um den in Afghanistan etablierten saudiarabischen Milliardär Osama Bin Laden, den die USA für die verheerenden Anschläge auf ihre Botschaften in Kenia und Tansania verantwortlich machen.

1998/99: Friedensverhandlungen unter Schirmherrschaft der Islamischen Weltkonferenz verlaufen ergebnislos. Die Taliban vertreiben die Vertreter regierungsunabhängiger Organisationen aus Kabul; schwere Übergriffe auf die Zivilbevölkerung. Der UNO-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen die Taliban.

Die wichtigsten Ereignisse seit dem Ende der Taliban-Herrschaft

5. Dezember 2001: Drei Wochen nach der militärischen Niederlage der Taliban einigt sich die internationale Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn auf eine Übergangsregierung unter dem Paschtunen Hamid Karsai.

22. Dezember 2001: Karsai tritt an die Spitze einer provisorischen Regierung, deren Machtbereich von regionalen Kriegsherrn weitgehend auf die Hauptstadt Kabul begrenzt wird.

10. Jänner 2002: Die internationale Schutztruppe ISAF, der in der ersten Phase auch Österreicher im Rahmen des deutschen Kontingents angehörten, beginnt ihren Einsatz in Kabul.

22. Jänner 2002: Eine internationale Geberkonferenz beschließt in Tokio Wiederaufbauhilfen in Höhe von mehr als 4,5 Milliarden Dollar.

2. März 2002: Beginn der ersten von mehreren amerikanischen Militäroperationen gegen versprengte Taliban- und El-Kaida-Kämpfer.

3. April 2002: Gründung der neuen afghanische Nationalarmee.

13. Juni 2002: Die Große Ratsversammlung ("Loya Jirga") wählt Karsai zum neuen Staatspräsidenten.

5. September 2002: Karsai übersteht einen Anschlag auf sein Auto in Kandahar unverletzt.

2. Dezember 2002: Bei der zweiten Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn sagt die internationale Gemeinschaft weitere Aufbauhilfe zu.

7. Juni 2003: Vier deutsche Soldaten sterben bei einem Terroranschlag auf einen Bus der ISAF-Truppen in Kabul.

11. August 2003: Die NATO übernimmt das Kommando über die ISAF. Zuvor waren neben Großbritannien und der Türkei auch Deutschland und die Niederlande Führungsnation.

13. Oktober 2003: Der UN-Sicherheitsrat beschließt die Ausdehnung des ISAF-Mandats auf die nordafghanische Stadt Kundus. Zwei Wochen später werden auch hier Bundeswehr-Soldaten stationiert.

4. Jänner 2004: Die Loya Jirga stimmt der neuen Verfassung zu und macht damit den Weg für allgemeine Wahlen frei.

29. Juni 2004: Die NATO sagt Präsident Hamid Karzai beim Gipfeltreffen in Istanbul eine Ausweitung der ISAF-Schutztruppen zu.

2. Juni 2004: Fünf Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sterben bei einem Anschlag durch Taliban Milizen in der Provinz Badghis im Westen des Landes.

7. Juli 2004: Interims-Präsident Hamid Karzai verkündet das vorerst endgültige Datum für die Präsidentenwahl (9. Oktober 2004), nachdem der Zeitpunkt zuvor mehrmals verschoben worden war. Parlamentswahlen sollen im März oder April 2005 stattfinden. Es sollen die ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes werden.

Oktober 2004: Die erste Präsidentenwahl gewinnt Hamid Karzai mit 55,4 Prozent der Stimmen. Unregelmäßigkeiten und Proteste überschatten die Wahl. Am 7. Dezember wird Karzai vereidigt.

18. September 2005: Nach 30 Jahren wählen die Afghanen erstmals wieder ein Parlament und 34 Provinzräte. Parteien sind nicht zugelassen. Im Dezember tritt es erstmals zusammen.

29. Mai 2006: Kabul wird von den schwersten Unruhen seit dem Sturz des Taliban-Regimes erschüttert. Auslöser ist ein von US-Truppen verursachter Verkehrsunfall. (APA/red)

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