"Frauen dürfen nicht, Männer können nicht"

20. September 2004, 20:56
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Harmonisierung: Für Frauen gilt weiterhin das niedrigere Pensionsalter

Wien - Der Pensionskorridor, durch den die Regierung imzuge der Harmonisierung ab 2005 den Eintritt in den Ruhestand zwischen 62 und 68 (je drei Jahre vor und nach dem Regelpensionsalter 65) ermöglichen will, wird von Arbeiterkammer (AK) und ÖGB als einer der Hauptkritikpunkte bezeichnet. Es sei nicht akzeptabel, dass es den Korridor nur für Männer gebe, kritisiert AK-Sozialrechtsexperte Christoph Klein im STANDARD-Gespräch. Für Frauen gilt weiter das verfassungsrechtlich geschützte niedrigere Pensionsalter, das bis 2033 schrittweise von 60 auf 65 Jahre steigt.

Verfassungsjurist Theo Öhlinger hat auch juristische Bedenken gegen den Männerkorridor. Nach dem Gleichheitsgrundsatz seien Frauen beim Korridor "irgendwo" auch zu berücksichtigen und das EU-Recht verbiete neue Differenzierungen zwischen Frauen und Männern. Auch Verfassungsexperte Heinz Mayer meint, die Frage, warum für Frauen kein Pensionskorridor vorgesehen sei, sei berechtigt.

AK-Experte Klein geht so weit zu sagen: "Die Frauen dürfen nicht, die Männer können nicht - den Pensionskorridor nutzen." Für Frauen gibt es ihn erst gar nicht, für viele Männer bedeute die Inanspruchnahme finanzielle Verluste, die kaum tragbar seien.

Ein Beispiel

Ein Angestellter (51) möchte 2014 mit 62 Jahren in Pension gehen, da er mit 15 eine kaufmännische Lehre absolviert hat, blickt er auf 47 Arbeitsjahre zurück. Bis zum Regelpensionsalter 65 müsste er ganze 50 Jahre arbeiten. Auf Basis der Pensionsreform 2003 würde er 1000 €Pension bekommen. Aus der 2003er-Reform treffen ihn bei Pensionsantritt 2014 7,5 Prozent Verlust. (Der Verlustdeckel wurde jetzt von zehn auf fünf Prozent gesenkt, steigt ab 2004 aber schrittweise wieder auf zehn Prozent im Jahre 2024 an.) Es bleiben 925 Euro Pension. Davon müssen laut Harmonisierungsmodell 4,2 Prozent pro Jahr Abschlag abgezogen werden. Weil er drei Jahre früher geht, sind das 12,6 Prozent. Macht eine Pension von 808 Euro, bei einem Gesamtverlust von 19,2 Prozent. (nim/DER STANDARD, Printausgabe 14.07.2004)

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