Paris: Antisemitischer Überfall in Vorortezug erfunden

15. Juli 2004, 20:27
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23-jährige Französin fügte sich Verletzungen selbst zu

Alles klang so plausibel. Eine 23-Jährige erstattete am Wochenende Anzeige und behauptete, Opfer eines Angriffs in einem Pariser Vorortezug geworden zu sein. Sechs Jugendliche aus Nordafrika hätten sie mit Messern angegriffen und im Glauben, sie sei Jüdin, ihr Haare abgeschnitten und Hakenkreuze auf ihren Bauch geschmiert. Niemand sei ihr in dem gut besetzten Wagon zu Hilfe geeilt.

Die junge Frau habe die Geschichte erfunden und sich die Hakenkreuze selbst auf den Leib gezeichnet, teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstag in Pontoise bei Paris mit. Sie habe sich auch selbst die Verletzungen zugefügt. Wegen ihrer widersprüchlichen Aussagen war die Frau vorläufig festgenommen worden.

Die Schilderung dieser antisemitischen Untat ließ in Frankreich umgehend eine Woge der Empörung hochgehen. So behauptet die junge Mutter, deren 13 Monate altes Kind bei der Attacke selbst umgestoßen worden sein soll, sie habe sich nach dem Angriff bei Eisenbahnangestellten gemeldet; diese können sich aber nicht daran erinnern.

Keine Zeugen

Auch andere Zeugen ließen sich trotz wiederholter Polizeiaufrufe nicht finden. Nur ein Passagier des Zuges meldete sich: Er habe die Frau vor dem Einstiegen bemerkt - mit bereits zerrissenen Hosen. Die Videokameras des Bahnhofs Sarcelles, wo die sechs Angreifer ausgestiegen sein sollen, filmten keine Verdächtigen, wie die Durchsicht der Kassetten ergab.

Laut unbestätigten Angaben aus Polizeikreisen hatte die junge Frau früher bereits fünfmal Anzeige wegen Diebstahls und sexueller Attacken erstattet; die Klagen war nie weiterverfolgt worden. Im Figaro erklärte zudem eine Bekannte, das vermeintliche Opfer - eine Nichtjüdin - sei als Mythomanin bekannt: "Marie-Léonie erzählt gerne Geschichten."

Die französischen Medien geben sich nach ihren Schlagzeilen ebenso zerknirscht wie die meisten Politiker. Allerdings klang die Version der jungen Frau sehr glaubwürdig. Der Bahnhof von Sarcelles ist in der Tat ein heißes Banlieue-Pflaster, das unbegleitete Frauen meiden. Weniger spektakuläre antisemitische Attacken in dieser Einwanderungsregion sind verbrieft.

Im ersten Halbjahr wurden in Frankreich 510 antisemitische Handlungen oder Bedrohungen gezählt worden. Das ist fast das Doppelte als in den drei letzten Vergleichsperioden, die seit der zweiten Intifada im Nahen Osten im Jahr 2000 bereits einen starken Anstieg registriert hatten.

Keine Amnestie

"Die Explosion der rassistischen und antisemitischen Akte in den letzten Jahren ist eine Realität, die wir bekämpfen müssen", meinte am Dienstag Regierungssprecher Jean-François Copé, um wie zuvor Präsident Jacques Chirac "totale Unnachsichtigkeit" gegenüber solchen Akten zu verkünden. Der Staatschef hatte am Montag bereits beschlossen, rassistische Delinquenten von seiner Amnestie zum Nationalfeiertag am 14. Juli auszunehmen. (Stefan Brändle/DER STANDARD; Printausgabe, 14.7.2004/APA)

Nachlese

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