Geiseldilemma

26. Juli 2004, 14:29
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Die philippinische Präsidentin durchlebt dieser Tage das Dilemma des Politikers im Angesicht des Terrors - ein Kommentar von Markus Bernath

Einmal angenommen, die Fahrer eines Bundesheerlastwagens würden im Irak gekidnappt und die Entführer irgendeiner "islamischen irakischen Armee" drohten mit der Enthauptung der Österreicher, sollte die Regierung nicht sofort ihr kleines Aufbauhelferkontingent aus dem Land abziehen: Wie schnell würde die Regierung in Wien umfallen? Die Reden von den gemeinsamen demokratischen Werten und der Prinzipienfestigkeit gegenüber Terroristen hintanstellen und dem Druck der großen Schlagzeilen und der Bittgottesdienste in den Kirchen im ganzen Land nachgeben?

Gloria Arroyo, die philippinische Präsidentin, durchlebt dieser Tage das Dilemma des Politikers im Angesicht des Terrors: vielleicht das Leben eines Bürgers retten, der nur auf Vermittlung der Regierung in den Irak kam - oder das Image des Landes als enger Verbündeter der USA bewahren und auch den militanten Radikalen auf den Philippinen einmal mehr signalisieren, dass die Regierung keine Terroristen beschwichtigt.

Zum ersten Mal seit Beginn der Geiselnahmen ausländischer Soldaten und Aufbauhelfer im Irak im vergangenen April schickt sich eine Regierung nun an, die Forderungen von Terroristen zu erfüllen. Manila sagt nicht Ja und nicht Nein, lässt - in gewissermaßen österreichischer Weise - überall eine kleine Tür offen und hofft, dass sich das Drama noch irgendwie glücklich von selbst auflöst. Die Vorverlegung des bereits angekündigten Abzugs der 51 Soldaten ist gleichwohl ein erstes Zugeständnis an die Geiselnehmer des Lastwagenfahrers Angelo de la Cruz. Terroristen kalkulieren jedoch anders: Der Mord an einer Geisel oder ihre Freilassung wiegen für sie nicht viel - die Panik, die sie in Regierungskanzleien und in der Öffentlichkeit säen, ist ihr eigentliches Ziel. Manila mag seine kleine Einheit abziehen und damit eine weise Entscheidung treffen: In einem halben Jahr ist die Truppe - vielleicht in anderer Form - eben wieder zurück. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 14.7.2004)

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