Der Todeskuss schmeckt nach Lancôme

13. Juli 2004, 19:03
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Einiges versprochen und viel gehalten haben bisher die "frankfurter küche" aus Leipzig, Raimund Hoghe, Superamas und Frans Poelstra

Was bereits im Vorjahr auszumachen war, bestätigt sich in diesem Sommer: ImPulsTanz, immerhin eines der umfangreichsten Festivals seiner Art in Europa, gewinnt auch in seiner kuratorischen Linie Konturen. In deutlichem Gegensatz zu den Aber-bitte-mit-Sahne-Programmen des Internationalen Tanzsommers in Innsbruck und in Graz bietet das Wiener Festival immer bessere Perspektiven auf das avancierte Tanzschaffen.

Mit diesem tut sich Deutschland zunehmend schwer. Drückend lastet das ambivalente Erbe des Ausdruckstanzes, des neoklassischen Balletts und des Tanztheaters auf der choreografischen Atmosphäre des Landes. William Forsythes künstlerische Möglichkeiten werden reduziert, Raimund Hoghe erhält keine öffentliche Förderung, Xavier Le Roy wird mit Misstrauen beäugt - und die "frankfurter küche (leipzig)", Thomas Plischke und Kattrin Deufert, verdrängt.

Dazu passend übt sich die deutsche Tanzkritik in Rückschritten. Plischke und Deufert sind aus dem kulturell erschlafften Frankfurt am Main nach Leipzig entwichen. Ihre jüngste Arbeit, As if (it was beautiful), hatte nun bei ImPulsTanz Premiere: ein überaus poetisches Stück auf einer minimalistischen, nach dem goldenen Schnitt strukturierten Bühne mit einer opernhaft sequenzierten Zeitstruktur.

Im Zentrum der Komposition steht Plischkes Solo Fleur (anemone). Es geht um die Identifikation der beiden Künstler, die gegenseitige Aufhebung des Selbst gegenüber dem anderen und um die subjektive und gesellschaftliche "Landnahme", die Eroberung durch Verführung.

Eine Art Wunderwerk

Mit sparsamen tänzerischen, gestischen, visuellen, textuellen und akustischen Mitteln schaffen Deufert und Plischke ein künstlerisches Wunderwerk, in dem das brisante politische Klima und die gackernde Popkultur am Beginn des 21. Jahrhunderts durch nachdenkliche Ruhe abgefangen werden.

Ein wahrer Meister des ruhigen Flusses ist der Düsseldorfer Choreograf Raimund Hoghe - auch in seinen Tanzgeschichten. Ein performativer Marcel Proust, dessen Suche nach der verlorenen Zeit nicht alle Zuschauer bis zu Ende lesen wollten. Hoghe bedient sich eines ritualhaften Erzählstils und einer Einteilung in Kapitel, die jeweils einen Song lang dauern.

Lieder etwa von Johnny Cash, Domenico Modugno, Peggy Lee und Gigliola Cinquetti oder Musikmotive von Mahler und Tschaikowski führen ihn, die Tänzer Lorenzo di Brabandere, Geraldo Si, Ornella Balestra und seinen kongenialen Gast Philipp Gehmacher durch eine eigenwillige Tanzgeschichte.

Wichtig scheint dabei weniger die Historie als vielmehr das emotionale und soziale Motiv, die Zeichen im kulturellen Gedächtnis und die Körperstereotype und Gendermodelle im Tanz. Hoghe ist ein Widerstandskämpfer gegen die Tempodiktatur der Spaßgesellschaft, seine Tanzgeschichten sind von einer Zen-haften Konzentration auf die Kunst, den Big-Mäc-Menschen zu reparieren, geprägt.

Ganz im Gegensatz zu Hoghes Gemessenheit wird in Big, 2nd episode (show/business) der österreichisch-französischen Gruppe Superamas offensiv an das Spektakel herangegangen. Superamas montieren aus der Medien-Warenwelt, ihren Pop-Ikonen, Blockbustern und Geistesgrößen wie Jean-Luc Godard eine scharfe Reality-Show, in der Kommerz, Krieg und Kapitalismus nicht explizit angeklagt werden, sondern einen heftigen, nach Lancôme schmeckenden Todeskuss aufgedrückt bekommen.

Catwoman hilft bei der Entspannung und Godard gegen intellektuelle Krämpfe. Wolford-Wäsche, Rolls-Royce-Boss John Rose und die Stewardess Elisa Benureau führen ins Wunderland des geilen Lebens. Big, 2nd episode trumpft im Arsenal mit einer überwältigenden Inszenierung auf, in der alle Livedialoge vorsynchronisiert sind und die Darsteller durchwegs als Auswürfe der uns glücklich machenden Produktgesellschaft auftreten. Superamas lassen das 20. Jahrhundert mit seiner bigott gewordenen kritischen Korrektheit hinter sich und setzen neue Zeichen. Poelstra dagegen plant kaum, der grandios unberechenbare holländische Improvisationstänzer spielt nur Spontanes. Dennoch handelt er überlegt genug, das im Sigmund Freud Museum zu tun. In Frans Poelstra zaubert analysiert er - "fuck fear" - als Mastermind vom Fach anarchisch die Totems und Tabus zwischen Performer und Publikum. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 7. 2004)

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