Unterkühlter Intellektuellen-Rock und brasilianisches Getrommel

20. Juli 2004, 12:49
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Die US-Band Tortoise in der Szene Wien

Wien - Die zwei Schlagzeuge stehen im Vordergrund, die Gitarren und Bässe lehnen im hinteren Teil der Bühne. Auf den Seiten zwei Vibrafone, analoge Synthesizer gut sichtbar aufgebaut. Tortoise betreten die Bühne, die Fans im gut gefüllten Saal beginnen zu johlen.

Das verkopfte Chicagoer Ensemble um die Gründer John McEntire und Doug McCombs beschränkte sich in der Szene Wien nicht auf eine reine Präsentation seines neuen Albums It's All Around You, sondern lieferte einen interessanten Querschnitt durch sein bisheriges Schaffen.

Dub, Ambient, Electronica, Indie-Rock, Cool Jazz, Minimal Music - es gibt fast keine Stilbezeichnung, die im Zusammenhang mit dem individuellen Sound der Band noch nicht benutzt worden wäre. Tatsächlich lieferten Tortoise auch als Live-Act ein organisch-homogenes, manchmal etwas zu verkrampft-intellektuelles Klangspektakel ab, das sich einer stilistisch eindeutigen Zuordnung entzog.

Denn bei Tortoise gibt es kein Epizentrum. Vielmehr befinden sich rhythmische und melodiöse Motive im ständigen Wechselspiel. Beim ersten Track, Dot/Eyes aus dem aktuellen Album It's All Around You, gaben Dan Bitney und John Herndon an den Schlagzeugen ein handwerkliches Schaustück an Präzision und rhythmischer Homogenität ab, das in bester Tradition brasilianischer Trommelorchester stand.

Allerdings ohne die dazu gehörende Energie. Die blieb weiß und unterkühlt. Auch dass sich der aus dem Free Jazz kommende Jeff Parker seiner Gitarre Santana-ähnliche Klänge entlockte, verstärkte den exzentrischen Charakter der Performance. Vage klangen da Ibiza-Chillout-Sampler und die leichten Töne von ästhetischen Zwangsneurotikern wie Air an. Doch die neuen Songs besaßen durch harmonisch leichter verdauliche Passagen fast schon Massentauglichkeit - ein Wort, mit dem die Independent-Attitüde des Quintetts so gar nicht zusammengehen mag.

Remember Steve Reich

Im Kontrast dazu standen Stücke wie 10-Day Intervall oder Crest. Die an Steve Reich angelehnten Titel zeigten die beiden Johns gemeinsam mit Dan Bitney beim Bearbeiten der Vibrafone, was vom Publikum mit heftigem Geklatsche gewürdigt wurde.

Trotzdem: Das Fehlen eindeutiger Höhepunkte veranlasste einige noch vor Ende des Konzerts, aus dem Saal zu flüchten. Tortoises musikalische Glaubwürdigkeit jenseits aller Genregrenzen liegt sicherlich nicht im verschlossen-lustlosen Auftreten. Wenn jene Sensibilität und musikalisches Fingerspitzengefühl, aus denen bei dieser Band in der Vergangenheit wirklich Neues entstanden ist, allerdings auch noch mit entsprechender Bühnenpräsenz gepaart wären, würden Tortoise ihr prinzipiell geneigtes Publikum wahrscheinlich auch noch bis zum Ende im Saal halten können. Beim nächsten Mal vielleicht . . . (Denise Riedlinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 7. 2004)

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