Initiative gegen russischen Atomschrott

23. Juli 2004, 21:18
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Auf der Kola-Halbinsel wird ein Langzeit-Zwischenlager für Atom-U-Boote gebaut - Gefahr der Meeresverseuchung soll gebannt werden

Deutschland und Russland haben dieser Tage den Grundstein zu einem gemeinsamen Projekt zur Entsorgung russischer Atom-U-Boote gelegt. 120 Atom-U-Boot-Reaktorsektionen sollen auf der Kola-Halbinsel gelagert werden. Damit soll verhindert werden, dass sich Salzwasser durch die Gehäuse der derzeit in der Barentssee schwimmenden U-Boote frisst und Atommüll ins Meer fließt.

Da Russland die Entschärfung der ökologischen Zeitbomben angeblich aufgrund mangelnder finanzieller und logistischer Möglichkeiten nicht zuwege brachte, greift Deutschland bis 2008 mit 300 Millionen Euro in die Tasche. Im Rahmen der "Globalen G8-Partnerschaft gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und -materialien" soll mit deutschem Know-how ein landgestütztes Langzeitzwischenlager für 120 Atom-U-Boot-Reaktorsektionen auf der Kola-Halbinsel errichtet werden.

Die Kola-Halbinsel und die weltweit größte Marinewerft, Sewerodwinsk am Weißen Meer, haben die höchste Konzentration radioaktiven Abfalls und atomarer Reaktoren in der Welt. 18 Prozent aller Reaktoren befinden sich in dieser Region. Derzeit warten dort Dutzende Atom-U-Boote und Reaktorsektionen auf sachgemäße Lagerung.

Rostende Reaktorsektionen

Mit 244 Stück hatte die Sowjetunion 52 Prozent der Atom-U-Boote weltweit hergestellt. 193 sind bereits außer Betrieb, knapp 120 davon in der Nordwestregion Russlands. 40 sind bereits in so genannte Reaktorsektionen zerlegt. Die bis zu 1000 Tonnen schweren Reaktorsektionen überfüllen seither rostend und mit Pressluft im Brackwasser gehalten die Sajda-Bucht nahe der Hafenstadt Murmansk auf der Kola-Halbinsel.

Da noch weitere 80 unzerlegte Atom-U-Boote in Russlands Nordwesten unsachgemäß gelagert sind, wird nun das dringend nötige Betonlangzeitlager mit der erforderlichen Infrastruktur auf 5,5 Hektar errichtet. Zuerst werden die 170 Meter langen U-Boote und bis 35 Meter langen Reaktorsektionen in der nahe gelegenen Nerpa-Werft zerlegt. Da die Reaktorsektionen durch die lange Betriebszeit erheblich radioaktiv belastet sind, werden sie dort in einem biologischen Schild bis zur weiteren Verarbeitung in frühestens 70 Jahren konserviert - soll heißen: oberflächenbehandelt und dicht geschweißt.

Kielblockträger

Da die Russen derzeit nur nur sechs Zerlegungen pro Jahr schaffen, statten die Deutschen die Nerpa-Werft mit neuer Technik aus und liefern Konservierungs- sowie Reparatur-Leichtbauhallen. Repariert wird ein Schwimmdock, mit dem die verschweißten Reaktorsektionen zum Lager in die Sajda-Bucht rangiert werden. Als ingenieurtechnische Leistung gelten die hydraulischen Kielblockträger, die je eine Last von 400 Tonnen rangieren können.

Ist der Diebstahl von Metallen - besonders Edelmetalle - von den alten U-Booten offenbar gang und gäbe, schließen russische Behörden das Verschwinden radioaktiven Materials kategorisch aus. Die Staatengemeinschaft hingegen verdrängt den Albtraum der Weitergabe von Massenvernichtungswaffen nicht. So wird auch eine neue Sicherheitsanlage errichtet: Ein computergestütztes Abfallversorgungssystem speichert Daten zu Verpackung und Lagerung aller radioaktiven Abfälle und ermöglicht somit eine Kontrolle über deren Verbleib.

Gelder verschwinden im Atomsektor

Nichtstaatliche Atomexperten begrüßen die Entsorgungsmaßnahmen, kritisieren jedoch die Nichtzulassung unabhängiger Beobachter. Wie Vladimir Tschouprow von Greenpeace Russland dem STANDARD erklärte, sei dies deshalb bedauerlich, weil Unsummen angewiesener Gelder im staatsgeheimen Atomsektor meist spurlos verschwinden. Russland würde Geldnot ins Treffen führen, wenn es um Atommüllentsorgung gehe, jedoch den Bau neuer Atomkraftwerke forcieren.

Vor zwei Jahren haben die führenden Industriestaaten Russland 20 Milliarden Euro zur Vernichtung der ABC-Waffen aus Sowjetarsenalen 2012 zugesichert. Das Zwischenlager ist eines der am weitesten fortgeschrittenen bilateralen Projekte. (Eduard Steiner aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 14.7.2004)

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