Annan appelliert an US-Führungsrolle

21. Juli 2004, 12:19
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WHO beklagt unzurei­chende Behandlung in Entwicklungsländern - Frankreich bemängelt US-Politik

Bangkok - UN-Generalsekretär Kofi Annan hat die USA zu einer führenden Rolle im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids aufgerufen. Am Rande der Welt-Aids-Konferenz in Bangkok forderte er Washington auf, eine ähnliche internationale Führungsfunktion wie im Kampf gegen den Terror zu übernehmen. Die USA seien auf Grund ihrer Größe und Ressourcen dazu in der Lage.

"Wir hören viel von Massenvernichtungswaffen, wir hören viel von Terror. Und wir haben Angst vor Massenvernichtungswaffen, weil sie Tausende töten können", sagte Annan in einem BBC-Interview. Aids koste aber bereits Millionen Menschen das Leben, und die nötigen Maßnahmen seien bei weitem nicht ausreichend.

WHO: Internationale Gemeinschaft hat versagt

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisierte, die internationale Gemeinschaft habe bei der Behandlung Aids-Kranker kläglich versagt. Nur rund sieben Prozent der sechs Millionen Patienten in Entwicklungsländern, die dringend auf antiretrovirale Behandlung angewiesen seien, hätten Zugang zu den lebensverlängernden Medikamenten. Seit der letzten Aids-Konferenz in Barcelona vor zwei Jahren habe sich die Zahl der Medikamentenempfänger in Entwicklungsländern zwar auf 440.000 verdoppelt. Im gleichen Zeitraum seien aber in den armen Ländern sechs Millionen Aids-Kranke gestorben.

Zahl der Aids-Waisen steigt

Auch die Zahl der Aids-Waisen steigt einer UN-Studie zufolge dramatisch an. Allein in den Jahren 2001 bis 2003 hätten drei Millionen Kinder einen oder beide Elternteile wegen der Immunschwächekrankheit verloren, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht des UN-Kinderhilfswerks (UNICEF), des Aids-Programms der Vereinten Nationen (UNAIDS) und der US-Behörde für Internationale Entwicklung (USAID). Weltweit gibt es demnach rund 15 Millionen Aids-Waisen.

"Die Waisenkrise ist wohl das grausamste Vermächtnis der Aids-Pandemie", sagte UNICEF-Direktorin Carol Bellamy auf der Konferenz in Bangkok. Bis zum Jahr 2010 lebten wahrscheinlich alleine in Afrika südlich der Sahara bis zu 17 Millionen Kinder, deren Mutter oder Vater an Aids gestorben sei.

US-Politik unter französischem Beschuss

Unterdessen warf Frankreich den USA vor, arme Länder dazu zu drängen, die Produktion von Nachahmermedikamenten, so genannten Generika, aufzugeben. Im Gegenzug biete Washington Freihandelsabkommen an. In einer schriftlichen Botschaft an die Konferenz erklärte der französische Staatspräsident Jacques Chirac, die amerikanische Politik komme Erpressung gleich. Aus US-Kreisen wurde diese Kritik als "Unsinn" zurückgewiesen.

Rund hundert Demonstranten unterbrachen am Dienstag eine Rede des Vorsitzenden des US-Pharmaunternehmens Pfizer auf der Konferenz. Sie warfen Pfizer und anderen Konzernen vor, Aidskranken lebenswichtige Medikamente zu verweigern, indem sie auf einen Patentschutz beharren. Pfizer-Chef Hank McKinnell sagte, ohne den Patentschutz gebe es für Forscher keinen Anreiz, neue Medikamente zu entwickeln.

Die 15. Welt-Aids-Konferenz begann am Sonntag. Der Schwerpunkt der einwöchigen Tagung liegt auf dem besseren Zugang zu Medikamenten und besserer Vorbeugung. Weltweit sind 38 Millionen Menschen mit HIV infiziert, 30 Millionen von ihnen in Entwicklungsländern. (Apa)

  • Demonstration gegen die Pharmaindustrie bei der internationalen Aids-Konferenz in Bankok. Ihr wird vorgeworfen Medikamente zu verweigern, indem sie auf Patentschutz beharren.
    foto: epa/dithajohn

    Demonstration gegen die Pharmaindustrie bei der internationalen Aids-Konferenz in Bankok. Ihr wird vorgeworfen Medikamente zu verweigern, indem sie auf Patentschutz beharren.

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