"Wir sprechen Klartext mit den USA"

19. Juli 2004, 08:36
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Der Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes im STANDARD-Interview: "Verbesserungen in US-Gefängnissen"

STANDARD: Im Jänner haben Sie US-Außenminister Colin Powell, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz aufgefordert, dass die USA dem IKRK Zugang zu allen Gefangenen des US-geführten Krieges gegen den Terrorismus gewähren sollen. Haben Sie eine Antwort aus Washington erhalten?

Kellenberger: Wir haben bislang keine offizielle Antwort der US-Regierung erhalten.

STANDARD: Haben Ihre Mitarbeiter denn inzwischen besseren Zugang zu den Gefangenen?

Kellenberger: Wir hatten schon in der Vergangenheit einen breiten Zugang. Dieser hat sich in letzter Zeit noch verbessert. Wir wissen aber nicht, ob wir alle Gefangenen der Amerikaner oder der Behörden anderer Staaten zu Gesicht bekommen. Wir sind darauf angewiesen, dass wir über alle Gefangenen informiert werden. Darauf bestehen wir.

STANDARD: Sie haben die Bedingungen in Guantánamo kritisiert, wo die Amerikaner rund 600 mutmaßliche Terroristen seit mehr als zwei Jahren festhalten. Hat sich die Lage dort nach Ihren Interventionen verbessert?

Kellenberger: Ich machte im Jänner klar, dass wir mit den Verbesserungen nicht zufrieden waren. Die letzte mehrwöchige Besuchsrunde des IKRK in Guantánamo ging kürzlich zu Ende. Wir müssen das Ergebnis jetzt prüfen.

STANDARD: Wie schätzen Sie generell die Zusammenarbeit mit den USA ein?

Kellenberger: Nach den schrecklichen Fotos aus Abu Ghraib konnte bei gewissen Menschen der Eindruck entstehen, dass unsere wiederholten vertraulichen Demarchen bei den US-Behörden wirkungslos verpufften. Doch der Eindruck trügt. Beim Besuch im Jänner 2004 in Abu Ghraib stellten wir Verbesserungen im Vergleich zum Oktober 2003 fest, beim Besuch im März im Vergleich zum vergangenen Jänner. Wir haben also nicht den Eindruck, die US-Behörden hätten die Demarchen völlig ignoriert.

STANDARD: Die USA überweisen von allen Staaten mit Abstand das meiste Geld an das IKRK – mehr als ein Viertel der Mittel stammt aus Washington. Dann folgt Großbritannien. Fällt es Ihnen angesichts der finanziellen Abhängigkeit schwer, Amerikanern und Briten zu widersprechen?

Kellenberger: Ich kann mit gutem Gewissen sagen: Die USA und Großbritannien haben ihre finanzielle Stellung nie benutzt, um unsere Unabhängigkeit zu beeinträchtigen. Auch in einem Umfeld starker Meinungsverschiedenheiten wie beispielsweise über Guantánamo. Wir sprechen mit den USA und Großbritannien genauso Klartext wie mit jedem anderen Staat.

STANDARD: Ohne das US-Geld müssten sie Operationen einstellen, Mitarbeiter entlassen ..

Kellenberger: Vergessen wir eins nicht: Mit diesen Beiträgen können wir Hunderttausenden von Menschen helfen. Wenn andere Regierungen, gerade auch aus anderen Teilen der Welt als der westlichen, mehr Geld an uns überweisen wollen, sind wir natürlich auch dankbar.

STANDARD: Werden IKRK-Mitarbeiter auch Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein besuchen, der in einem US-Gefängnis auf einen Prozess wartet?

Kellenberger: Unsere Delegierten haben ihn in der Vergangenheit wie mehrere Tausend andere Kriegsgefangene und internierte Zivilisten im Irak besucht. Wir werden ihn auch in Zukunft besuchen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 14.7.2004)

Das Gespräch führte Jan Herbermann
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    Der Schweizer Jakob Kellenberger, 60, ist seit 2000 Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.

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