"Kinderfreundliche Medikamente sind rar"

21. Juli 2004, 12:19
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Ärzte ohne Grenzen bemängeln: Kinder werden im Kampf gegen die Krankheit vernachlässigt

Bangkok/Wien - Internationale Pharmakonzerne und Regierungen versagen bei der Entwicklung und der Produktion von Aids-Medikamenten und Diagnosemethoden für Kinder, erklärte die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" am Dienstag auf der 15. Welt-Aids-Konferenz in Bangkok. Die medizinische Hilfsorganisation berichtete aber auch von guten klinischen Ergebnissen in der Behandlung von Kindern durch den Einsatz kreativer Methoden bei der Aids-Aufklärung von Kindern und ihren Erziehern und bei der kontinuierlichen Therapie.

"Kinder, die eine Aids-Therapie benötigen, müssen große Mengen an übelschmeckendem Sirup trinken oder große Tabletten schlucken. Und das nur, wenn sie überhaupt Glück und Zugang zu einer Aids-Behandlung haben" erklärte Dr. David Wilson, medizinischer Koordinator der Programme von "Ärzte ohne Grenzen" in Thailand. "Pharmafirmen interessiert es nicht, Aids-Medikamente für Kinder zu entwickeln, weil Kinder kein lukrativer Markt sind."

Mangel an lukrativen Märkten

Die großen Erfolge bei der Verhinderung der Übertragung des Virus von der Mutter auf das Kind in entwickelten Ländern haben zur Folge, dass in reichen Ländern relativ wenig Kinder mit dem HI-Virus auf die Welt kommen. Der darausfolgende Mangel an lukrativen Märkten führt dazu, dass es trotz dem zunehmenden Bedarf in Entwicklungsländern zu wenig Medikamente für Kinder gibt. Die einzige Hoffnung sei, dass ein paar Generika-Konzerne vordosierte Medikamente erster Linie entwickeln, erklärte "Ärzte ohne Grenzen".

2003 gab es Schätzungen zufolge weltweit über 2,5 Millionen HIV-infizierte Kinder. Im selben Jahr infizierten sich 700.000 Kinder unter 15 Jahren neu mit dem HI-Virus. 88,6 Prozent von ihnen leben in Sub-Sahara-Afrika. Ihre Aussichten sind nicht gerade gut: Etwa fünfzig Prozent der HIV-infizierten Kinder sterben, bevor sie zwei Jahre alt sind. "Ärzte ohne Grenzen" hat im Dezember 2000 mit der ARV-Behandlung (Antiretroviral, Anm.) von Kindern begonnen, und im März 2004 waren etwa fünf Prozent der HIV-Patienten von "Ärzte ohne Grenzen" unter 13 Jahren.

Obwohl die Hilfsorganisation noch nicht so viele Kinder in Aids-Behandlung hat, haben die Teams von "Ärzte ohne Grenzen" innovative Methoden wie zum Beispiel Gesundheitstagebücher, Behandlungskalender und Geschichten über "Devimmon" erfunden - eine Hexe, die eine Metapher für HIV ist, um Kinder dazu zu bringen, bei der Behandlung zu bleiben.

HIV-Diagnose eine Herausforderung

Eine große Herausforderung ist die HIV-Diagnose bei Kindern. Standardisierte Bluttests sind bei Kindern unter 18 Monaten nicht zuverlässig. Außerdem ist die Kontrolle der CD4-Methode problematisch, da die meisten auf dem Markt erhältlichen CD4-Maschinen nicht für den Einsatz bei kleinen Kindern geeignet sind. Eine weitere Herausforderung ist der Mangel an ARV-Medikamenten für Kinder, was die Dosierung und Verbreichung der Medikamente kompliziert und beschwerlich macht. Derzeit wird nach Gewicht oder Körperoberfläche dosiert, und die Dosis muss an das Wachstum des Kindes angepasst werden.

"Wenn auf die Medikamentenproduzenten kein massiver Druck ausgeübt wird und Regierungen sich nicht dafür einsetzen, wird es Jahre dauern, bis neue Therapien erhältlich sind", erklärt Fernando Pascual, Pharmazeut von "Ärzte ohne Grenzen". "Wir müssen für die Entwicklung von handhabbaren Diagnosemethoden und kinderfreundlichen Medikamenten kämpfen." (Apa)

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