Wiener Jugendgefängnis schlägt Alarm: Immer mehr psychisch affällige Häftlinge

13. Juli 2004, 14:44
6 Postings

Justizministerium: Kein Anlass zur Besorgnis - Psychiaterin kritisiert Ist-Zustand

Wien - Die im Wiener Landesgerichtlichen Gefangenenhaus integrierte Jugendabteilung platzt aus allen Nähten: Waren mit Stichtag 1. September 2003 dort noch 55 bis 60 Jugendliche untergebracht, ist diese Zahl per 1. Mai 2004 auf 120 bis 130 angestiegen. Zusammen mit den so genannten jungen Erwachsenen - Häftlinge zwischen dem 18. und 21. Lebensjahr - hat die Justizanstalt auf der Jugendabteilung insgesamt rund 250 Insassen zu betreuen. Ein immer größerer Prozentsatz davon legt psychische Auffälligkeiten an den Tag, was den Vollzug nun an den Rand des Machbaren geführt hat, wie Oberst Peter Prechtl am Dienstag bestätigte.

Aufgaben psychiatrischer Kliniken übernommen

"Der Strafvollzug hat Aufgaben übernommen, die früher psychiatrische Kliniken erledigt haben", so der Anstaltsleiter. Es wären zwar Maßnahmen ergriffen worden, um diese Entwicklung in den Griff zu bekommen. Prechtl erwähnt in diesem Zusammenhang unter anderem zwei Jugendpsychiaterinnen und den Versuch, eine "engere Betreuung" zu den Betroffenen aufzubauen: "Wir würden uns aber eine Einrichtung wünschen, wo man die problematischen Fälle besser bewältigen kann. Außerhalb, in einer psychiatrischen Klinik, etwa in einem Pavillon auf der Baumgartner Höhe. Ich kann nicht alles abfangen."

Platzprobleme

Die Anzahl der psychisch kranken Jugendlichen sei einhergehend mit den Haftzahlen angewachsen, so Prechtl. Er schätzt, dass 30 bis 40 Prozent der unter 18-Jährigen ein Verhalten an den Tag legen, das therapeutisch oder medikamentös behandelt gehört. Zuletzt musste die Jugendabteilung aus Platzgründen von sechs auf sieben Unterabteilungen vergrößert werden.

Justizministerium: Kein Anlass zur Besorgnis

Das Justizministerium bestätigt die aktuelle Situation, sieht darin aber keinen Anlass zu Besorgnis. "Es stimmt, es gibt im Landesgericht eine hohe Anzahl von jugendlichen Häftlingen. Das ist bedauerlicherweise extrem gestiegen. Damit steigt linear die Anzahl von psychisch auffälligen Personen", erklärte der für den Strafvollzug zuständige Sektionschef Michael Neider. Man habe aber entsprechend darauf reagiert: "Seit einem Jahr ist zusätzlich eine Jugendpsychiaterin 20 Stunden pro Woche im Einsatz. Die Kapazität wurde wesentlich erhöht."

Neider verweist "auf eine Reihe von Maßnahmen", die durchaus Erfolg gebracht hätten: "Die psychiatrische Versorgung ist in einem Ausmaß gewährleistet, das in Europa führend ist."

Zum Wunsch des Anstaltsleiters auf externe Unterbringung besonders problematischer Häftlinge stellte Neider fest: "Dort, wo es notwendig ist, wird das geschehen." Dies sei auch bisher schon üblich gewesen.

Psychiaterin kritisiert Ist-Zustand

Die Kinderpsychiaterin Belinda Plattner betreut seit über einem Jahr die jugendlichen Insassen in der Justizanstalt Wien-Josefstadt. Im Gespräch mit der APA bestätigte sie am Dienstagnachmittag "einen massiven Anstieg psychisch kranker Häftlinge". Die sich daraus ergebenden Probleme seien gegenwärtig kaum in den Griff zu bekommen: "In der Haft ist eine entsprechende Behandlung psychotischer Jugendlicher schwer bis nicht durchführbar. Pflegerische Leistungen können wir nicht zur Verfügung stellen."

Plattner wünscht sich daher eine "Einrichtung, wo die Rahmenbedingungen gegeben sind". Eine umfassende Betreuung und Beobachtung der Betroffenen wäre wünschenswert. "Eine eigene Krankenstation für Jugendliche, wo wir sie fachgerecht innerhalb der Haft betreuen können, wäre sinnvoll", betonte Plattner.

Den Vorschlag der Anstaltsleitung, die problematischen Fälle zukünftig extern - beispielsweise in einem eigenen Pavillon im Psychiatrischen Krankenhaus auf der Baumgartner Höhe - unterzubringen, hält Plattner folglich für vernünftig. Derzeit kommt ein jugendlicher Häftling nach einem psychotischen Anfall auf das so genannte Krankenzimmer im Landesgerichtlichen Gefangenenhaus. Besonders schwere Fälle werden dann auf die Kinderpsychiatrische Abteilung im AKH verlegt.

Nicht immer funktioniert das. "Ein tobender Jugendlicher mit Selbst- und Fremdgefährdung ist auf der Station höchst problematisch", so Plattner. Man müsse daher danach trachten, "ihn möglichst rasch runterzubringen", um ihn wieder in den "normalen Vollzug" zurückführen zu können. "Dort kann ich dann nur darauf achten, dass er mit vernünftigen Jugendlichen in eine Zelle kommt", beschreibt die Psychiaterin ihre Arbeit.

Auch hinsichtlich der personellen Ressourcen hält Plattner die psychiatrische Versorgung in der Jugendabteilung des Landesgerichtlichen Gefangenenhauses keineswegs für optimal: "Ich würde mir zur Unterstützung eine weitere Fachkraft wünschen." (APA)

Share if you care.