Feichtlbauer: Krenn soll sich freiwillig zurückziehen

13. Juli 2004, 18:41
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Für früheren Vorsitzenden der Plattform "Wir sind Kirche" rächt sich Bischofsbesetzung - Aktuelle Affäre zeige aber auch falschen Umgang der Kirche mit Sexualität

Mit der aktuellen Sex- und Porno-Affäre am Priesterseminar St. Pölten komme die Bischofsbesetzungspolitik des Vatikans der späten achtziger und frühen neunziger Jahre "jetzt als Gespenst zurück", sagte der katholische Publizist und frühere Vorsitzende der Plattform "Wir sind Kirche", Hubert Feichtlbauer, am Dienstag im Gespräch mit der APA. Man habe Bischöfe ernannt, "die von Anbeginn überfordert waren, deren Überforderung sich aber besonders zeigt, wenn es zu krisenhaften Entwicklungen kommt".

Feichtlbauer plädiert nun für den freiwilligen Rückzug Kurt Krenns als Bischof der Diözese St. Pölten. "Es wäre schön, wenn er selbst zur Erkenntnis käme, dass er unter Berufung auf seine schwere Krankheit für die Ausübung des Amtes nicht mehr der bestmögliche Kandidat ist." Leider gebe es aber bei vielen kirchlichen Würdenträgern "die schreckliche Überzeugung, sie seien Werkzeuge Gottes und müssten bis zum letzten Atemzug aushalten - das ist auch eine Irreleitung". Er habe schon bei anderen Bischöfen erlebt, dass, wenn sie sich von "der Last des Amtes befreit" hätten, auch die vorher aufgetretenen Depressionen verschwunden seien.

Die jüngste Entwicklung in St. Pölten sei jedenfalls sicher "nicht vom Himmel gefallen". Feichtlbauer führt hier die Politik an, mit der Priesterseminaristen aufgenommen worden seien. Man habe offenbar Leute aufgenommen, die von anderen Seminaren aus psychischen oder anderen Gründen abgewiesen worden seien, "nur damit man die besseren Statistiken vorweisen kann". So habe der Bischof sagen können, "in keiner Diözese gibt es so viele Priesteranwärter wie bei mir".

"Falscher Weg"

Feichtlbauer betont aber auch: natürlich sei die aktuelle Affäre nicht nur eine Frage des Bischofs, sondern schon auch "ein Symptom, das sich in einem falschen System offenbart". "Es ist ja kein Zufall, dass in St. Pölten wieder einmal ein Sexualitätsproblem auftritt." In falsch verstandener Tradition werde hier der Zölibat aufrechterhalten, "das in der heutigen durchsexualisierten Welt nicht mehr ohne Schaden für die Betroffenen aufrechterhalten werden kann". "Und das Durchtauchen und darüber Hinwegreden und Kleinreden und Verniedlichen ist der falsche Weg."

Die Kirche müsse zu "einem großzügigeren Umgang mit Sexualität" kommen und sich dabei "endlich von der verhängnisvollen Fixierung der Sexualität auf Fortpflanzung lösen", so Feichtbauer weiter. So sei einerseits die Entscheidung von Erwachsenen für sexuelle Präferenzen - unter Schonung anderer - zu akzeptieren. Und wenn man Homosexualität als "Buben-Geschichten" abtue, sei das auch eine Beleidigung für erwachsene Männer und Frauen, die ihre Homosexualität verantwortungsvoll leben. Auch seien die Geschehnisse in St. Pölten nicht deshalb zu verurteilen, weil Homosexualität an sich schlecht sei, sondern will die Kirche dafür alle nur erdenklichen Höllenstrafen predige. Andererseits ist auch Sicht Feichtlbauers der Zölibat für Weltpriester abzuschaffen. Dann bräuchten die Betroffenen ihre Sexualität nämlich nicht hinter verschlossenen Türen und dem Deckmantel einer schön polierten Fassade ausleben, was dann auch noch vom "Makel des Schrecklichen behaftet" sei.

Im Fall des Priesterseminars St. Pöltens rät Feichtlbauer zu einer neuen Führung und einer gewissenhafteren Prüfung der Kandidaten. "Durch den Rücktritt des Bischofs könnte man auch hier einen Neuanfang schaffen und neue Grundregeln für die Aufnahme schaffen." (APA)

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