Wissen speichern und verteilen

13. Juli 2004, 09:57
posten

Über Weblogs im Knowledge-Management diskutierten internationale Fachleute beim zweiten "Blogtalk" in Wien. Deren Visionen teilen Knowledge-Spezialisten nicht unbedingt

Wien - "Wie viele von Ihnen haben schon einmal eine E-Mail an sich selbst geschrieben, um sich an etwas zu erinnern?" Mit seiner Eröffnungsfrage verleitet der Luxemburger Internetfachmann Martin Röll zwei Drittel der Anwesenden beim "Blogtalk 2.0" (der am 5. und 6. Juli in der Wiener Urania stattfand) zum Heben eines Arms. "E-Mails", meint Röll, "sind persönlich, personalisierbar und sozial." Genauso wie Weblogs (siehe Wissen) - was diese zu idealen Tools des Knowledge-Managements mache.

Knowledge-Worker, also die Mitarbeiter eines Unternehmens, deren Aufgabe das Sammeln, Speichern, Kommentieren, Verteilen von Wissen ist, müssten besser zusammenarbeiten. Dabei ginge es nicht primär um eine Vernetzung untereinander, sondern um das Einbeziehen aller Beschäftigten einer Organisation.

Mehr als ein Tagebuch

Weblogs (kurz: Blogs), die im Mittelpunkt der internationalen Fachkonferenz standen, sind der Öffentlichkeit vor allem in ihrer Erscheinung als Internettagebücher bekannt. Doch dahinter steckt mehr. So könne das Sammeln, Speichern und Kommentieren von Wissen mittels eines Blogs von allen Mitarbeitern gemeinsam durchgeführt werden, das Verteilen erfolge durch Lesen und Diskutieren der vielseitigen Beiträge und Ideen. "Man trifft sich in Blogs", fährt Röll fort, "und später in Firmenkonferenzen." So kenne man einander beim persönlichen Erstkontakt bereits virtuell, habe mehr Vertrauen zum Gegenüber.

"Bottom-up Knowledge-Management", also die Einbindung der Unternehmensbasis in die Wissensgenerierung, ist Stephan Schmidt vom deutschen Fraunhofer-Institut ein Anliegen. In den oberen Betriebsetagen wisse man oft nicht, was der einfache Mitarbeiter brauche. Da sei alles "top-down", von oben nach unten, und somit sei das "demokratische" Weblog ein praktikabler Ansatz und eine Alternative zum Intranet.

Dem widerspricht Jan Mieth, Product-Marketing-Manager bei Microsoft Österreich: "Knowledge-Management wird von der Idee her immer bottom-up geführt", sagt er auf Anfrage des KARRIERENSTANDARD. Die Idee hinter dem Wissensmanagement sei eben die, dass "das Unternehmenswissen, das die Mitarbeiter repräsentieren, niedergeschrieben und gespeichert wird."

Das Gesamtwissen werde so allen Mitarbeitern verfügbar gemacht. Mieth sieht Weblogs als zu unstrukturiert und deshalb "nicht als selig machende Lösung" - wenngleich auch Microsoft Weblogs verwendet. Mieth: "Nicht im Wissensmanagement, dafür sind sie untauglich." Stattdessen könnten Weblogs Transparenz schaffen, "und zwar nach innen wie nach außen".

Die Qualität der Inhalte sei bei Blogs "nicht gesichert", meint Stefanie Lindstaedt vom Grazer Know-Center. Ein Vorteil sehe sie aber: mitunter könnten Leute Ideen publik machen, "die sich sonst nicht trauen würden".

Beim "Blogtalk" ebenfalls Erwähnung fand das "Wiki" (siehe Wissen), ein dem Weblog ähnliches Format. Wolfgang Slany, Dozent an der TU Graz: "Ich verwende Wikis schon sehr lange zur Koordination von Projekten mit vielen Beteiligten an verschiedenen Orten." Im Vergleich zu Newsgroups und E-Mails könne man gemeinschaftlich an Dokumenten arbeiten. Slanys Studenten seien begeistert. (Der Standard, Printausgabe 10./11.7.2004)

Von Bernhard Madlener

blogtalk.net

wikipedia.org
Share if you care.