"Die Notenbanken unterschätzen Inflation"

19. Juli 2004, 12:54
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Steigende Teuerungsraten sind kein vorübergehendes Phänomen, glaubt Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek im Gegensatz zum Branchenkonsensus und erklärt, warum

Wien - Mit 2,4 Prozent Inflationsrate ist Europa aufgrund der schwächeren Konjunktur und des vom hohen Eurokurs schaumgebremsten Ölpreisanstieges weniger von steigender Teuerung betroffen als die USA mit aktuell 3,1 Prozent Inflation: Unternehmen in Europa leiden noch an schlechter Auslastung und können ihren Kostendruck daher nicht auf ihre Produkte umwälzen, für hohe Lohnforderungen fehlen die Argumente.

Höhere Inflationsraten

Dennoch müssten sich auch die Europäer an höhere Inflationsraten gewöhnen, ist Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Zentralbank (RZB) überzeugt: Die seit mehreren Jahren je um drei bis vier Prozent steigenden Preise im Dienstleistungssektor werden durch fallende Güterpreise nicht mehr kompensiert, sagt Brezinschek.

Die ständige Ausweitung der Nachfrage im Servicesektor durch die Überalterung der Bevölkerung treibe das Preisniveau in diesem Bereich und werde zu "Inflationsraten auf hohem Niveau" führen, erwartet er.

"Die Notenbanken unterschätzen die Inflation", widerspricht Brezinschek der Einschätzung von US-Notenbankchef Alan Greenspan. Er hatte Ende Juni anlässlich der Erhöhung der US-Leitzinsen von einem auf 1,25 Prozent gesagt, es sei nicht wahrscheinlich, dass die Inflation ein ernsthaftes Problem wird.

Die weltweite Finanzgemeinschaft war nämlich ausreichend beunruhigt. Denn mit einer Steigerung der US-Produzentenpreise um fünf Prozent für die letzten zwölf Monate, mit 3,1 Teuerung in den USA und 2,4 Prozent in Europa tauchte den lange von Niedriginflation Verwöhnten ein neues Schreckgespenst auf: Die Inflationsspirale, die Preise treibt und Konsumenten ärmer macht.

Kerninflationsrate

Brezinschek argumentiert in seinem Teuerungsszenario mit dem Blick auf die so genannte Kerninflationsrate, also die Teuerung ohne Ölpreis. Dort wird ein Anziehen von zuletzt 1,7 auf 2,6 Prozent erwartet. 2005 könnten drei Prozent erreicht werden. Der Grund: US-Unternehmen können angesichts der guten Konjunktur ihren Kostendruck immer stärker an die Konsumenten weitergeben.

Damit werden die Waren teurer. Das könnte aber, glaubt auch die Schoellerbank in ihrer aktuellen Inflationsanalyse, die Gewerkschaften zu höheren Lohnforderungen drängen und damit einen "Zweitrundeneffekt" in der US-Inflationsspirale auslösen.

Der Start der Zinserhöhungsrunde und das Thema Inflation - wie schwer wiegend von den unterschiedlichen Ökonomen auch immer eingeschätzt - bedeutet für Anleger jedenfalls: Anleihen rutschen auf die Verkaufsseite, weil ihre Renditen steigen und damit die Kurse fallen. Angetrieben von der Renditesteigerung in den USA könnte die Rendite für die zehnjährige Euroanleihe bereits zum Jahresende auf fünf (von 4,25) geklettert sein, glauben Analysten.

Dass Inflation schon zum Thema der Finanzindustrie geworden ist, zeigen auch die Produkt-Launches: Anleihenfonds mit Inflationsschutz (niedrigerer Nominalzins, dafür aber volle Inflationsabgeltung und daher Realzins auf Geldmarktniveau) werden schon verstärkt beworben. (Karin Bauer/DER STANDARD Printausgabe, 13.07.2004)

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