Weltraum zum Preis einer Yacht

20. Juli 2004, 13:05
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Defekte Technik hält "SpaceShipOne", das erste private Weltraumflugzeug, vorerst am Boden - Doch nicht nur kaputte Steuerungen gefährden den erhofften Weltraumtourismus

Wien - Der erste Privatflug ins All (genauer: in 100 Kilometer Höhe) wurde vor wenigen Wochen weltweit bejubelt. Tatsächlich aber hatte das Weltraumflugzeug "SpaceShipOne" technische Schwierigkeiten, deren Ursachen erst jetzt bekannt wurden.

Kurz nach dem Start am 21. Juni war das Raumschiff plötzlich um 90 Grad nach links getorkelt. Nachdem es Pilot Mike Melvill zurück auf Kurs gebracht hatte, steuerte es zu weit nach rechts. Wie sich herausstellte, funktionierte die Steuerung bei Überschallgeschwindigkeit nicht richtig.

Chefkonstrukteur Burt Rutan sagte gegenüber dem Magazin Wired, der Antrieb einer Steuerungsklappe habe blockiert. Das Torkeln erklärte er mit Scherwinden - von Piloten gefürchtete aufsteigende Luftströme. Die Winde hätten SpaceShipOne so weit vom Kurs abgebracht, dass es statt 110 nur 100 Kilometer Höhe erreichte und zudem 30 Kilometer vom anvisierten Kurs abkam.

Ansari-X-Preis

Der Raumfahrtenthusiast und sein Financier, Microsoft-Mitbegründer Paul Allen, können daher den begehrten Ansari-X-Preis erst im September in Angriff nehmen. Wenn es ihnen gelingt, einen Piloten und zwei Passagiere ins All zu befördern und das Ganze binnen zwei Wochen zu wiederholen, bekommen sie die gestifteten zehn Mio. US-Dollar.

Die X-Preis-Stiftung sieht sich als Starthilfe für die Weltraumtourismusindustrie. Das All soll billiger und für jedermann zugänglich werden. Die meisten der 20 Bewerber finden, dass die Nasa dieses Unterfangen verabsäumt hat. Technisch gesehen haben aber nur wenige von ihnen Gewinnchancen.

Auch die Kosteneffizienz und kommerzielle Verwertbarkeit der einzelnen Flugzeugdesigns muss erst unter Beweis gestellt werden. Die Kombination von in Serie gefertigten Einzelteilen und "innovativem Design" hätte erlaubt, SpaceShipOne mit 20 Mio. Dollar (16,1 Mio. Euro) günstig zu produzieren, erklärte Rutan im Economist - ein Weltraumflugzeug zum Preis einer Yacht.

100.000 Dollar für einen Tag

Um Personal, Treibstoff, Genehmigungen und Materialverschleiß decken zu können, müssen Rutan und Allen 100.000 Dollar (rund 80.000 Euro) für die ersten Tagesreisen ins All verlangen. Mit den Einnahmen sollen weitere Flugzeuge finanziert werden.

An finanzkräftigem Publikum dürfte es nicht mangeln: Die Wahl des 63-jährigen Testpiloten Melvill suggeriert wohlhabenden US-Pensionisten, dass der Weltraum auch etwas für sie sein könnte. Schwieriger könnten die Flugbewilligungen werden.

Derzeit ist Weltraumtourismus in den USA nicht gesetzlich geregelt - weder was die Lizenzen für Passagiertransport noch was die Sicherheit der Passagiere betrifft. Kosten Genehmigungen ähnlich viel wie für Passagierflugzeuge (mehrere 100.000 Dollar), ist nicht anzunehmen, dass die Weltraumflugzeuge schnell vom Boden abheben. (Eva Stanzl /DER STANDARD Printausgabe, 13.07.2004)

  • Werben um finanzkräftige Pensionisten: der 63-jährige Testpilot Mike Melvil bei der Landung von "SpaceShipOne".
    foto: epa/brendan mcdermid

    Werben um finanzkräftige Pensionisten: der 63-jährige Testpilot Mike Melvil bei der Landung von "SpaceShipOne".

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