Zehennägel im Sand der Geschichte

18. Juli 2004, 19:01
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Trotz Pop: Luc Bondy triumphiert in Aix-en-Provence mit Händels "Herkules"

Zum Auftakt des 56. Opernfestivals von Aix-en-Provence am 5. Juli bot Direktor Stéphane Lissner eine russische, bunt-provokante, forciert abwechslungsreiche Produktion von Prokofjews Liebe zu den drei Orangen. Der junge französische Regisseur Philippe Calvario, ehemaliger Regieassistent von Patrice Chéreau und subtiler Theaterkünstler, entschied sich für eine knallige, wenig bezaubernde Version dieser Märchenoper.

Er inspirierte sich an den Teufelchen, die um die Hexe Fata Morgana schwirren, wenn diese den melancholischen Prinzen zur Liebe zu den drei Orangen verdammt. Die russischen Interpreten, allen voran der in England tätige Dirigent Tugan Sokjew, sowie das Mahler Chamber Orchestra sind jung und zu allem bereit, um den russisch gesungenen Text mithilfe der Musik lebendig zu vermitteln. Dragqueen-Gestalten und Karikaturen der Commedia dell'Arte erfreuen Teile des Publikums. Sie riechen aber nach einem zynischen Kompromiss: Um die zurückgegangenen Kartenreservierungen wieder aufzuholen, bietet man Pop.

Spannende Unterhaltung kann dafür der zur Hochform aufgelaufene Luc Bondy im Gespann mit dem (etwas weniger hochkarätigen) William Christie bieten. Ihre im besten Wortsinn spektakuläre Opernproduktion dieses Aixer Sommers ist Georg Friedrich Händels Herkules. Bondy arbeitet die psychologischen Hintergründe bis ins kleinste Beziehungsdetail aus. Mutig interpretierend und über den puren Librettotext von Thomas Broughton hinausgehend, zeigt er das Eifersuchtsdrama der Gattin des Herkules, Dejanira (Joyce DiDonato), die verzweifelt auf ihren kriegerischen Gemahl wartet und ihn der Untreue anklagt, als er im Gepäck seine Kriegsbeute, die schöne Iole (Camilla Tilling), mitbringt.

Herkules (William Shimell) hatte früher um die Hand der Prinzessin von Oechalia, Iole, angehalten, die ihm jedoch von deren Vater verweigert wurde, da Herkules im Wahn seine ersten Söhne ermordet hatte. Nach der Heirat mit Dejanira und der Geburt des Sohnes Hyllus (Toby Spence) zieht Herkules in den Krieg gegen die Oechalier, zerstört ihre Stadt, tötet den König und versklavt Iole.

Hier setzt Bondys Interpretation an: Er sieht in dieser "Versklavung" den Ausdruck der glühenden Leidenschaft des Kraftlackels Herkules, der Iole mit Diamantring, Perlenkette und dem Freiheitsversprechen umgarnt. Iole, die der eifersüchtigen Dejanira den Untreueverdacht ausreden möchte, war und ist bei Bondy durchaus empfänglich für den Charme des reifen Herkules. Die Musik erklärt die Komplexität ihrer Psyche, widerspricht der jungfräulichen Textaussage ihrer Rezitative und Arien, zeigt sie als die Begehrte, Beglückte und Auserwählte des Herkules.

Bondy lässt die fünf Protagonisten barfuß im Sand spielen, aus dem Körperteile eines zerstückelten Riesen ragen (Bühne: Richard Peduzzi). Verwehte Mythen kommen wieder zutage, werden durch den (bemerkenswerten) Chor in zeitgenössischer Kleidung (Kostüme: Rudy Sabounghi) in Benetton-Farben mit der Gegenwart verbunden.

Der Chor, genauso wie die absolut großartigen Sänger, ist pausenlos in (psychischer und physischer) Bewegung (Choreografie: Michel Kelemenis). Die Sängerinnen, besonders die schwedische Altistin Malena Ernman als der Herold Lichas sowie ihre Landsfrau Camilla Tilling mit dem diamantklaren Sopran, die amerikanische Mezzo Joyce DiDonato als Dejanira, aber auch die Herren Toby Spence, William Shimell und der Priester Simon Kirkbride leben ihre Rollen so faszinierend, dass das Aixer Premierenpublikum bis nach ein Uhr morgens begeistert an ihren Lippen hing.

William Christies Interpretation ist zu Beginn dumpf und mechanisch, wird erst mit dem Auftritt des Herkules und dem Einsatz der Bläser etwas klangfreudiger. Die Osmose mit den Sängern, von Bondy hochgeputscht, gelingt den Musikern trotzdem. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2004)

Von
Olga Grimm-Weissert aus Aix-en-Provence

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