Die Wandlung eines Wikingers

12. Juli 2004, 21:38
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Die Eröffnung des Carinthischen Sommers

Ossiach - Das Genre Oper, insbesondere das zeitgenössische Musiktheater, scheint in einer veritablen Krise zu stecken: Publikumsdesinteresse und künstlerischer Anspruch stehen sich oftmals diametral gegenüber. Ausgerechnet eine Kirchenoper zum zentralen Ereignis einer Konzertreihe zu erküren, zeugt von Mut und Sendungsbewusstsein, das Thomas Daniel Schlee, der neue Intendant des Carinthischen Sommers, in seiner tiefsinnig philosophischen Antrittsrede bei der Eröffnung des Festivals am Sonntag eindrucksvoll vermitteln konnte.

Peter Maxwell Davies' Das Martyrium des heiligen Magnus bedient sich einer spektakulären Tonsprache. Wuchtige Klanggebilde zeichnen die Geschichte eines Mannes, des Schutzpatrons der schottischen Orkney-Inseln, der Wahlheimat des Komponisten, nach: "Der heilige Magnus (...) war ein pazifistischer Wikinger. Meine Oper stellt den Versuch dar, auf der Bühne den Wegen einer Gewissensentscheidung nachzugehen ..." (Davies). Der unbeirrbare Gewaltverzicht führt schließlich bis hin zum eigenen Tod.

Das 1976 entstandene Bühnenwerk basiert auf einer Novelle von George Mackay Brown. Es erfährt eine dynamisch wohl ausbalancierte Interpretation durch ein kammermusikalisch besetztes Ensemble, das von unterschiedlichen Keyboards sowie einem opulent ausgestatteten Schlagwerk beherrscht wird.

Mit souveräner Zeichengebung treibt Johannes Wildner die Musiker durch eine höchst komplexe Partitur: Ausgehend von Gregorianischen Gesängen setzt Davies zu einem programmatischen Streifzug durch die Musikgeschichte an, der bis zu stilisierten Tänzen des 20. Jahrhunderts führt. Die Vokalsolisten werden in extremen, Kraft raubenden Stimmlagen gefordert, deren Schwerpunkt in deklamatorisch rezitativischen Ausformungen liegt. Herausragend agieren Kurt Azesberger (Magnus), Allan Evans (Hakon), Michaela Lucas (Mary).

Nicht immer erklingen Orchester und Solisten in thematischer Geschlossenheit, zu stark ist der Duktus des Werkes von instrumentalen, bisweilen zu dominanten, eruptiv clusterartigen Abläufen bestimmt. Den eingeschränkten technischen Umsetzungsmöglichkeiten in der Stiftskirche von Ossiach wird Regisseur Stephan Bruckmeier mit einer das Mittelschiff beherrschenden, in das Auditorium reichenden Bühne gerecht, von sparsamen, aber gezielten Lichteffekten behutsam unterstützt. Ob die Intention, die Moderne stärker in das Festival einzubinden, goutiert wird, bleibt abzuwarten. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2004)

Von
Bernhard Bayer
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